Diese Kritik betrifft Volume 1 der zweiten Staffel: die ersten sechs Folgen.
Diese erste Hälfte ist visuell stark, aber erzählerisch holprig. Die Serie kehrt mit großen Versprechen zurück: Dream will sein Reich Dreaming wiederherstellen, seine alten Fehler wiedergutmachen und sich endlich seiner Vergangenheit stellen. Und ja, da schlummern großartige Momente – aber sie brauchen lange, um wirklich aufzuwachen.
Was direkt auffällt: Die Staffel nimmt sich viel, vielleicht zu viel, Zeit. Die ersten zwei bis drei Folgen wirken wie eine monumentale Einleitung. Viel Exposition, viel Dialog, viel Mythologie – aber wenig Handlung, die wirklich vorantreibt. Es fühlt sich mehr nach Setup an als nach Weitererzählung. Dream begegnet seinen Geschwistern, spricht über Schuld, über Nada, über Orpheus – das ist alles interessant, aber es fehlt zunächst an Dringlichkeit.
Tom Sturridge bleibt als Morpheus ein stoischer, fast schon skulpturaler Charakter. Immer ernst, immer kontrolliert – und das ist nicht immer ein Vorteil. In den Momenten, in denen es persönlicher wird, etwa in den Szenen mit Orpheus, gelingt ihm der Bruch, den diese Figur so dringend braucht. Man sieht die Wunde unter der Maske – leider passiert das zu selten. Gerade in den ersten Episoden wirkt Morpheus eher wie ein Konzept als wie ein Mensch.
Was aber ohne Zweifel überzeugt, ist die Inszenierung. Das Dreaming, die Hölle, der Palast der Endless – alles sieht fantastisch aus. Hier wird klar: Netflix hat Budget in die Hand genommen, und es wurde sinnvoll eingesetzt. Besonders das Design rund um Luzifer ist gelungen, ebenso die Begegnungen mit Delirium und Desire. Die Serie schafft es, das Fantastische glaubwürdig wirken zu lassen, ohne ins Überladene abzurutschen.
Die Nebenfiguren geben dem Ganzen Leben: Gwendoline Christie als Luzifer bleibt eine Wucht, Esmé Creed-Miles bringt als Delirium eine wilde, chaotische Note rein, Mason Alexander Park als Desire sorgt für subtile Spannung. Kirby Howell-Baptiste als Death hat leider nur wenig Screentime, bleibt aber eine emotionale Konstante. Auch der neue Orpheus-Darsteller Ruairi O’Connor liefert eine eindrucksvolle Performance – seine Szenen zählen zu den stärksten in Volume eins.
Thematisch geht es erneut um Schuld, Versöhnung, Verantwortung und die Frage, ob ein Wesen wie Dream überhaupt loslassen kann. Doch oft werden diese Themen mehr benannt als wirklich ausgespielt. Es wirkt so, als würde die Staffel auf etwas Großes hinführen – aber bis dahin bleibt vieles vage und schwer greifbar.
Fazit: Volume eins von Sandman Staffel zwei ist eine elegante, bildgewaltige Fortsetzung, die sich aber dramaturgisch verzettelt. Sie bereitet vieles vor, wirft große Fragen auf, traut sich aber noch nicht, die Antworten zu liefern. Wer geduldig ist und die Atmosphäre genießen kann, wird belohnt – wer auf Tempo und klare Story-Bögen hofft, bekommt in diesem Teil weniger geboten.
