Zweigstelle liefert ein erstaunlich schräges Kinodebüt von Julius Grimm. Die Prämisse: Vier junge Menschen landen nach einem tödlichen Autounfall nicht im Himmel, nicht in der Hölle – sondern in einer Jenseitsbehörde. Sie wissen nicht, dass sie tot sind. Stattdessen stehen sie in einem Wartebereich, ziehen Nummern, füllen Formulare aus und versuchen, mit teils skurrilen Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeitern über ihr weiteres Schicksal zu verhandeln. Willkommen in der Zweigstelle – einer Zwischenwelt, in der Bürokratie auch nach dem Tod nicht aufhört.
Bürokratie im Jenseits
Im Zentrum steht Resi, gespielt von Sarah Mahita, die mit einer Urne im Gepäck und viel emotionalem Ballast unterwegs ist. Sie und ihre drei Mitfahrer – gespielt von David Ali Rashed, Beritan Balci und Julian Gutmann – geraten durch einen Unfall in diese Zwischenebene. Wie genau diese „Zweigstelle“ funktioniert, ist Teil des Spiels: nichts wird erklärt, alles wird erfragt, missverstanden, übergangen. Und genau da entfaltet der Film seinen Reiz. Das Jenseits ist hier nicht metaphysisch oder göttlich – es ist ein Verwaltungsakt. Mit Wartemarken, verschlossenen Türen und einem Hausmeister, der mehr weiß als die anderen.
Humor aus Situationen
Was mir gefällt: Der Film verlässt sich nicht auf billige Gags oder Klamauk. Der Humor entsteht durch Situationen, durch das Absurde im Alltäglichen. Die Räume sind nüchtern, fast leer. Die Stimmung schwankt zwischen tragikomisch und leise absurd. Wenn man schon tot ist, aber trotzdem einen Nachweis A38 braucht, um überhaupt zu erfahren, wohin es als Nächstes geht, dann ist das mehr als nur Satire – es ist ein Spiegel unserer Lebenswelt, übersetzt in ein übernatürliches Szenario.
Ein zerfasertes Mittelstück
Natürlich funktioniert nicht alles. Der Film will viel, vielleicht zu viel. Einige Figuren, besonders aus dem Verwaltungsapparat, bleiben eher Funktion als Charakter. Und obwohl der Film nur rund achtundneunzig Minuten dauert, fühlt er sich in der Mitte etwas zerfasert an. Es gibt Rückblenden, emotionale Andeutungen, kleine Nebenhandlungen – aber nicht jede davon trägt wirklich zum Ganzen bei. Gerade im Zusammenspiel der vier Hauptfiguren hätte ich mir stärkere Entwicklung gewünscht. Manchmal bleibt es bei Skizzen, wo man Tiefe erwartet hätte.
Sarah Mahita
Sarah Mahita allerdings überzeugt. Ihre Resi hat etwas Widerspenstiges, aber auch Verletzlichkeit. In ihren Blicken liegt viel unausgesprochene Wut, Trauer, aber auch ein gewisser Trotz. Das macht sie zur klaren emotionalen Ankerfigur des Films. Auch Rainer Bock, Johanna Bittenbinder und Luise Kinseher liefern kleine, aber markante Auftritte im Büro-Jenseits.
Der besondere Ton
Was Zweigstelle für mich besonders macht, ist sein Ton: Diese Mischung aus melancholischer Nachdenklichkeit und verwaltungstechnischer Groteske funktioniert erstaunlich gut. Der Film bringt eine seltsame Ruhe mit, obwohl es um Tod, Schuld und Identität geht. Er ist keine klassische Komödie, aber auch kein Drama – eher etwas Eigenes. Und das ist im deutschen Kino alles andere als selbstverständlich.
Fazit
Ich gebe Zweigstelle 6 von 10 Punkten. Der Film ist mutig, ungewöhnlich und auf seine Weise sehr menschlich. Er hat Schwächen, ja – aber er nimmt sich etwas vor, das man nicht oft sieht: Humor und Tod in einem Atemzug, ohne albern zu werden. Wer bereit ist, sich auf diese Mischung einzulassen, wird definitiv nicht enttäuscht.
