Die dreiteilige Dokumentation American Murder: Gabby Petito ist eine intensive Auseinandersetzung mit einem Fall, der die Welt im Jahr zweitausendeinundzwanzig erschütterte. Sie zeichnet nicht nur die Ereignisse nach, die zu Gabby Petitos tragischem Tod führten, sondern zeigt auch, wie soziale Medien, toxische Beziehungen und der öffentliche Diskurs miteinander verwoben sind.
Von Anfang an setzt die Serie auf eine Mischung aus Archivmaterial, Social-Media-Posts und Interviews. Besonders eindrücklich sind die originalen Aufnahmen von Gabby selbst, die ihre Reise mit ihrem Verlobten Brian Laundrie dokumentierte. In ihren Videos wirkt sie wie viele junge Menschen auf der Suche nach Abenteuer, nach Freiheit, nach sich selbst. Doch schon früh merkt man, dass zwischen den idyllischen Bildern und der Realität eine Lücke klafft. Je mehr man von Gabbys Aufnahmen sieht, desto mehr erhärtet sich der Eindruck, dass sie ihre Follower eher beruhigen als ihre wahren Gefühle ausdrücken wollte.
Einer der beunruhigendsten Momente der Serie ist das Bodycam-Video der Polizei aus Utah, aufgenommen am zwölften August des Jahres zweitausendeinundzwanzig. Gabby wirkt sichtlich aufgelöst, während Brian ruhig bleibt und sich als Opfer eines Streits darstellt. Im Nachhinein zu wissen, wie diese Geschichte ausgeht, macht es umso schwerer, diese Szene zu ertragen. Es ist ein Beispiel dafür, wie leicht Manipulation und Gaslighting übersehen werden können, selbst von den Menschen, die geschult sind, solche Situationen zu erkennen.
Die Dokumentation ist stark darin, die sozialen und medialen Mechanismen zu hinterfragen, die diesen Fall so bekannt gemacht haben. Warum wurde Gabbys Verschwinden so breit diskutiert, während viele andere vermisste Frauen nie ähnliche Aufmerksamkeit erhalten? Die Serie geht dieser Frage nach, bleibt dabei aber neutral und stellt sie mehr als Reflexion in den Raum, anstatt Antworten zu liefern. Dieser Ansatz ist klug, denn er zwingt das Publikum dazu, sich selbst mit der Thematik auseinanderzusetzen.
Ein umstrittener Aspekt der Doku ist die Verwendung von Künstlicher Intelligenz, um Gabbys Stimme für die Vertonung ihrer Tagebucheinträge und Textnachrichten nachzubilden. Die Familie hat ihre Zustimmung gegeben, doch es bleibt ein zwiespältiges Gefühl. Ist das eine respektvolle Möglichkeit, ihr eine eigene Stimme zu geben, oder eine unnötige und befremdliche Technik, die mehr Unbehagen als Nähe schafft? Die Dokumentation verlässt sich sehr stark auf diese Technik, was nicht bei allen gut ankommen dürfte.
Alles in allem ist "American Murder: Gabby Petito" eine aufwühlende, bedrückende und gut gemachte Dokumentation. Sie bleibt zwar stark bei bekannten Fakten, ordnet sie aber auf eine Art ein, die nachdenklich macht. Es ist keine leichte Kost, aber sie ist notwendig, um zu verstehen, wie Gewalt oft im Verborgenen geschieht und wie wir als Gesellschaft darauf reagieren. Eine Serie, die nachhallt, aber auch Fragen offenlässt.
