Titan – Die OceanGate-Katastrophe trifft wie ein Schlag in die Magengrube. Das ist kein typischer Katastrophenfilm, sondern eine investigative Dokumentation, die sich tief in eine der tragischsten Geschichten der letzten Jahre gräbt. Schon die ersten Minuten wirken bedrückend. Man sieht nie das Unglück selbst, aber die Bilder aus dem Inneren der Titan, die Rekonstruktionen, die erschütternden Audioaufnahmen – sie geben dir das Gefühl, mit an Bord zu sein. Und das ist kein angenehmes Gefühl.
Im Zentrum steht Stockton Rush, der CEO von OceanGate, der sich selbst als innovativen Pionier sah. Der Film zeigt ihn als Mann mit großer Vision – aber auch mit großem Ego. Das hat mich nachhaltig beschäftigt. Denn was hier aufgebaut wird, ist ein Psychogramm eines Mannes, der unbedingt Geschichte schreiben wollte, koste es, was es wolle. Sicherheitsbedenken? Ignoriert. Ingenieure, die auf Schwachstellen hinwiesen? Gefeuert. Rush wollte kein „verkrustetes Denken“, er wollte nach vorne. Nur leider endete genau das in einer Katastrophe.
Was mir besonders unter die Haut ging, waren die Aussagen ehemaliger Mitarbeiter. Menschen, die mit Rush gearbeitet haben und rückblickend sagen, sie hätten die Katastrophe kommen sehen. Die Aussagen zeichnen das Bild eines Mannes, dessen Ehrgeiz Warnungen verdrängte. Es gibt Aufnahmen, in denen Warnungen ausgesprochen werden. Aufnahmen von Gesprächsprotokollen, von internen E-Mails. Man sieht und hört es – und trotzdem ging es weiter.
Die Doku leistet viel, wenn es darum geht, dieses Versagen persönlich zu machen. Sie konzentriert sich voll auf das Innenleben von OceanGate, auf das Mindset dieser Firma. Das hat seine Stärken – weil es dadurch nicht nur um Technik oder Fehler geht, sondern um Haltung, Verantwortung, menschliche Schwächen. Es zeigt, wie Überheblichkeit und Fortschrittsglaube zum Verhängnis werden können. Gleichzeitig ist das auch die größte Schwäche des Films: Er verlässt kaum diese eine Perspektive.
Was nämlich weitgehend fehlt, ist der systemische Blick. Warum konnte ein derart unsicheres Tauchboot überhaupt zugelassen werden? Welche Kontrollinstanzen haben versagt? Warum gibt es keine internationalen Standards für solche Expeditionen? All das wird nur gestreift. Und genau das hat mir gefehlt. Ich hätte mir gewünscht, dass der Film über Rush hinausdenkt. Dass er tiefer in die politische und rechtliche Dimension einsteigt. Stattdessen bleibt es beim Porträt eines Mannes, der sich selbst überschätzt hat.
Inszenatorisch funktioniert das Ganze gut. Die Mischung aus Archivmaterial, Interviews, Original-Audio und Animationen hält die Spannung hoch. Man merkt, dass hier keine Sensation, sondern eine Warnung erzeugt werden soll. Kein reißerischer Ton, keine übertriebene Musik. Es wird nüchtern erzählt – und genau das macht es so intensiv. Du schaust nicht weg, auch wenn du es manchmal gern würdest.
Am Ende bleibe ich mit einem Gefühl von Fassungslosigkeit zurück. Nicht, weil ich überrascht bin, dass etwas schiefging. Sondern weil so viele gewusst haben, dass es schiefgehen wird – und niemand es gestoppt hat. Titan – Die OceanGate-Katastrophe ist kein perfekter Film, aber ein wichtiger. Ich gebe ihm sieben von zehn Punkten. Stark in der Analyse eines Mannes, schwächer im Blick auf das große Ganze. Aber absolut sehenswert für alle, die verstehen wollen, wie eine moderne Tragödie entsteht – nicht durch Zufall, sondern durch Entscheidung.
