Xoftex ist kein Film, den man einfach nebenbei wegsieht. Noaz Deshe hat mit diesem Werk etwas geschaffen, das man nicht so leicht vergisst. Es ist rau, fordernd, bildgewaltig und voller Brüche. Und genau das macht ihn so stark. Er zeigt nicht einfach, was es bedeutet, in einem Flüchtlingslager zu leben – er zwingt dich, es zu fühlen.
Im Zentrum steht der jugendliche Nasser, der zusammen mit seinem Bruder Yassin in einem ehemaligen Industriekomplex untergebracht ist – einem Lager, das mehr Gefängnis als Zuflucht ist. Die beiden versuchen, sich irgendwie aus der Hoffnungslosigkeit zu retten, indem sie Comedy-Sketche drehen und an einem selbstgebastelten Zombie-Film arbeiten. Zwischen rostigen Containern, improvisierten Betten und Grenzzäunen entsteht so eine Form von Widerstand – kreativ, ironisch, bitter.
Was mich dabei besonders gepackt hat, ist die Art, wie der Film Realität und Wahn ineinander verschiebt. Die Kamera bleibt oft nah an den Figuren, flackert durch die Gänge, springt zwischen dokumentarischen Momenten und surrealen Sequenzen. Es fühlt sich an, als würde man in Nassers Kopf mitreisen – voller Lärm, Stille, Flashbacks und Fantasien. Und genau das macht den Film so intensiv. Der Zombie-Film, den die Jungs drehen wollen, wird plötzlich zur psychologischen Metapher für ihr eigenes Überleben. Da ist nichts albern. Alles ist Ausdruck eines inneren Ausnahmezustands.
Die Besetzung besteht fast ausschließlich aus tatsächlichen Geflüchteten – und das spürt man. Die Figuren wirken nie gespielt, sondern gelebt. Abdulrahman Diab als Nasser bringt eine Wucht in seine Rolle, die einen mitreißt. Da ist keine große Dramatik, sondern ein leiser, aber dauerhafter Schmerz. Auch Osama Hafiry und Jalal Albaroudi sind stark, besonders in den Szenen, in denen sie einfach nur beobachten, zuhören, reagieren – Momente, in denen der Film atmet.
Visuell ist „Xoftex“ extrem kraftvoll. Die klaustrophobischen Innenräume, das fahle Licht, die plötzlich aufblitzenden Traumbilder – das ist kein einfacher Stil, sondern eine Erfahrung. Dazu kommt ein treibender, oft verstörender Soundtrack von Thomas Moked-Blum und Noaz Deshe selbst, der die Stimmung perfekt aufgreift.
Klar, dieser Film verlangt Aufmerksamkeit. Wer eine lineare Story sucht oder eine klassische Dramaturgie, wird hier nicht glücklich. Aber wer sich darauf einlässt, erlebt etwas, das so in dieser Form selten im Kino gezeigt wird. „Xoftex“ ist unbequem, roh, künstlerisch kompromisslos – aber auch ein zutiefst menschlicher Film. Kein Hochglanzdrama über Flucht, sondern ein Blick von innen. Und der bleibt hängen.
