Strange River erzählt vom sechzehnjährigen Dídac, der mit seinen Eltern und zwei jüngeren Brüdern auf dem Fahrrad der Donau folgt. Eigentlich ist es ein Familienurlaub, doch Dídac steckt längst in seiner eigenen Welt. Eine unerwiderte Liebe beschäftigt ihn, gleichzeitig taucht an verschiedenen Stationen immer wieder derselbe rätselhafte Junge auf. Mal sieht Dídac ihn im Wasser, mal an Land, manchmal wirkt er vollkommen real und manchmal eher wie eine Erscheinung. Genau daraus entwickelt Regisseur Jaume Claret Muxart ein Coming-of-Age-Drama, das weniger von Handlung als von Stimmung, Erinnerung und Begehren lebt.
Das Besondere ist sofort die Form. Strange River wurde auf 16-Millimeter-Material gedreht, und die Landschaft entlang der Donau wirkt dadurch nicht wie eine hübsche Urlaubskulisse, sondern fast wie ein eigener Bewusstseinsraum. Wasser, Bäume, Körper, Straßen und vorbeiziehende Architektur werden ständig miteinander verbunden. Die Kamera bleibt in Bewegung, verliert sich aber ebenso gern in langen Blicken. Das passt zu Dídac, weil auch er zwischen Aufbruch und Stillstand feststeckt. Er will verstehen, was mit ihm passiert, ohne dafür schon die richtigen Worte zu haben.
Jan Monter spielt diesen Zustand erstaunlich zurückgenommen. Dídac ist kein Teenager, der seine Gefühle in großen Monologen erklärt. Vieles passiert in seinem Gesicht, in Unsicherheit, Neugier und kleinen Reaktionen. Francesco Wenz als Alexander funktioniert deshalb besonders gut als Gegenfigur. Er ist weniger klassischer Charakter als Projektionsfläche für Dídacs Wünsche und Ängste. Ob alles, was zwischen beiden passiert, tatsächlich so geschieht, ist für den Film beinahe nebensächlich.
Gleichzeitig bleibt die Familie wichtig. Nausicaa Bonnín spielt Dídacs Mutter Mònica, die dieselbe Reise schon als Jugendliche unternommen hat und dadurch ihre eigenen Erinnerungen mit sich trägt. Vater Albert interessiert sich stärker für Architektur, während Bruder Biel spürt, dass sich Dídac von ihm entfernt. Diese kleinen Verschiebungen machen die Familie glaubwürdig. Niemand hält große Reden darüber, dass Dídac erwachsen wird, aber man merkt, wie sich das Gefüge langsam verändert.
Genau diese Zurückhaltung kann allerdings auch anstrengend sein. Strange River verweigert klare Erklärungen, klassische Wendepunkte und teilweise sogar ein eindeutiges Gefühl für Zeit. Szenen beginnen, brechen ab, Bilder wiederholen sich, Realität und Fantasie fließen ineinander. Wer eine klar erzählte Romanze oder ein konventionelles Jugenddrama erwartet, dürfte sich daran reiben. Manchmal droht die poetische Atmosphäre tatsächlich etwas ins Ungefähre zu kippen.
Wenn man sich aber auf diesen Rhythmus einlässt, entwickelt der Film einen hypnotischen Sog. Strange River erzählt das Erwachsenwerden nicht als Problem, das gelöst werden muss, sondern als Zustand, durch den man hindurchgeht. Gerade die Verbindung aus Natur, Familie, erster Liebe und Unsicherheit fühlt sich ungewöhnlich ehrlich an. Nicht jede symbolische Idee sitzt perfekt, aber die Bilder und Stimmungen bleiben noch lange im Kopf hängen. Für dieses sinnliche, eigenwillige Debüt gibt es 7,5 von 10 Punkten.
