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In die Sonne schauen: Vergangenheit fühlbar machen

Mascha Schilinskis anspruchsvolles Generationendrama findet eine außergewöhnliche Sprache in Bildern, Schnitt und körperlichem Ton.

In die Sonne schauen 🌒 Warum dieser Film so besonders ist
Thumbnail des ursprünglichen filmbuZZer-Videos.

„In die Sonne schauen“ verbindet die Erfahrungen von vier Generationen auf einem Hof. Mascha Schilinskis vielfach ausgezeichneter Film kam bereits am 28. August 2025 ins deutsche Kino und erzählt von vier Mädchen und jungen Frauen, die in unterschiedlichen Jahrzehnten auf demselben Vierseitenhof in der Altmark leben: Alma in den 1910ern, Erika in den 1940ern, Angelika in den 1980ern und Nelly in der Gegenwart.

Wer hier eine klassische Familienchronik erwartet, bekommt bewusst etwas anderes. Die Zeiten werden nicht sauber nacheinander abgearbeitet, sondern fließen ineinander. Erinnerungen, Blicke, Geräusche und Motive springen von einer Generation zur nächsten. Der Hof wird damit fast zur eigentlichen Hauptfigur: ein Ort, der Dinge speichert, obwohl seine Bewohnerinnen vieles nicht wissen können. Genau darin liegt die große Stärke des Films. Vergangenheit wird nicht erklärt, sondern fühlbar gemacht.

Fabian Gampers Kamera arbeitet häufig im engen 4:3-Format, mit Unschärfen, Durchblicken, Türen und Rahmen. Das wirkt nicht wie nostalgischer Zierrat, sondern verstärkt die subjektive Wahrnehmung der Figuren. Dazu kommt ein ungewöhnlich körperliches Sounddesign. Knacken, Dröhnen, Atem, Tiere, Wasser und Räume sind nicht bloß Hintergrund, sondern verbinden die Zeitebenen fast so stark wie die Montage von Evelyn Rack. Der Film erzählt dadurch weniger über Dialog als über Wahrnehmung.

Auch die Darstellerinnen profitieren von diesem Ansatz. Hanna Heckt, Lea Drinda, Lena Urzendowsky und Zoë Baier spielen keine vier Varianten derselben Figur. Jede Epoche hat ihren eigenen Rhythmus, ihre eigenen Zwänge und ihr eigenes Verhältnis zu Nähe, Scham, Begehren und Angst. Trotzdem entsteht der Eindruck, dass Erfahrungen weitergegeben werden, selbst wenn niemand darüber spricht. Diese Idee von vererbter oder fortwirkender Erinnerung könnte schnell plakativ werden. Schilinski hält sie aber meist offen genug, um nicht in eine einfache Botschaft zu kippen. Wichtig ist dabei, dass der Film trotz seiner Schwere nicht nur in Düsternis verharrt. Kleine absurde und makabre Momente lockern die Atmosphäre auf, ohne die Figuren oder ihre Erfahrungen lächerlich zu machen.

Der Preis dafür ist Zugänglichkeit. Mit 149 Minuten, den ständigen Zeitsprüngen und der bewussten Verweigerung eindeutiger Erklärungen verlangt „In die Sonne schauen“ viel Aufmerksamkeit. Manche Bilder wirken derart komponiert und bedeutungsschwer, dass der Film gelegentlich Gefahr läuft, seine eigene Kunstfertigkeit auszustellen. Wer einen klaren roten Faden oder eine konventionelle Auflösung erwartet, kann ihn deshalb als manieriert oder unnötig verschlossen empfinden.

Trotzdem überwiegt deutlich, was funktioniert. Der Film besitzt eine eigene Sprache, starke Schauspielerinnen und eine Atmosphäre, die nicht auf billige Effekte angewiesen ist. Vor allem Kamera, Schnitt und Ton machen aus der Geschichte mehr als ein Generationendrama: Sie lassen Zeit selbst zum Thema werden. „In die Sonne schauen“ ist kein einfacher Film und sicher keiner für nebenbei. Aber gerade seine formale Konsequenz macht ihn zu einem der ungewöhnlichsten deutschen Filme der letzten Jahre. Von mir gibt es 8,5 von 10 Punkten.

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