Strange Darling hat mich komplett auf dem falschen Fuß erwischt. Ich dachte erst, ich würde hier einen klassischen Serienkillerthriller serviert bekommen, aber nein: Strange Darling ist ein verdammt cleverer Genre-Mindfuck, der sich jede Erwartung wie einen Fremdkörper vom Leib reißt.
Der Film spielt mit einer Situation, die jeder kennt oder zumindest fürchtet: Du triffst jemanden, die Chemie stimmt, ihr landet im Bett – aber was, wenn dein Gegenüber nicht ist, was er vorgibt zu sein? Und genau da setzt Strange Darling an. Die Geschichte entfaltet sich in sechs Kapiteln, nicht chronologisch, sondern wie ein Mosaik, das sich Stück für Stück zusammenfügt. Das ist keine reine Spielerei – das ist ein kalkulierter Trick, um uns immer wieder aus der Bahn zu werfen.
Im Zentrum stehen “The Lady” und “The Demon”. Willa Fitzgerald als Lady ist von Anfang an schwer greifbar – verführerisch, kontrolliert, verletzlich und dann plötzlich brutal. Ich habe sie anfangs unterschätzt. Und genau das ist der Punkt: Die Figur ist gebaut, um mit unserem Blick zu spielen. Kyle Gallner als Demon wirkt zuerst wie der gefährliche, dominante Typ. Aber je mehr man erfährt, desto mehr verschieben sich die Rollen. Am Ende steht ein Twist, der nicht nur alles Vorherige in ein neues Licht rückt, sondern einem auch zeigt, wie sehr man selbst auf Bilder hereinfällt, die man längst verinnerlicht hat.
Was diesen Film wirklich trägt, ist seine audiovisuelle Wucht. Gedreht auf echtem 35-Millimeter-Film, sieht Strange Darling einfach atemberaubend aus. Jede Szene ist durchkomponiert, jede Farbe erzählt mit. Der Look erinnert an Neowestern, aber die Erzählweise ist modern, kühn, kompromisslos. Der Regisseur JT Mollner wirft dich mitten rein und erklärt nichts. Die Verbindungen musst du dir selbst zusammensetzen. Ich mag das. Weil es mutig ist. Und weil es fordert.
Trotzdem hat der Film auch seine Schwächen. Manche Kapitel wiederholen Inhalte unnötig, und das Pacing ist nicht immer ideal. Gerade im Mittelteil verliert sich der Film etwas in seiner eigenen Struktur. Der große Twist wirkt zwar stark, aber danach lässt der Drive ein bisschen nach. Auch thematisch kratzt der Film manchmal eher an der Oberfläche, als wirklich tief reinzugehen – was ich schade finde, weil er genau dazu das Potenzial hätte.
Aber das sind Schwächen, die ich dem Film verzeihe, weil er so viel richtig macht. Er erzählt kein konventionelles Katz-und-Maus-Spiel, sondern zerlegt genau diese Form. Er zeigt, wie schnell unsere Wahrnehmung manipuliert werden kann, wie gefährlich Zuschreibungen sind – und dass in jeder Begegnung ein Abgrund stecken kann. Besonders cool: Auch die Nebenrollen wie das ältere Hippie-Ehepaar bringen Tiefe und eine bizarre Menschlichkeit ins Spiel.
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