Verbunden und trotzdem allein
Was wäre, wenn man jederzeit jemanden erreichen könnte und sich trotzdem niemand wirklich anwesend anfühlt? Ein Horrorfilm gibt dieser Angst eine verstörende Gestalt. Kiyoshi Kurosawas Pulse erschien 2001 unter dem Originaltitel Kairo und erzählt von Geistern und Computern. Sein tiefster Schrecken wächst aus etwas, das auch ohne übernatürliche Erklärung vertraut ist: Menschen verlieren den Kontakt zueinander, während ihre technischen Verbindungen bestehen bleiben. Das Tempo ist langsam, die Oberfläche abweisend, die Bilder bleiben erstaunlich hartnäckig im Kopf. Im Folgenden gibt es Spoiler, auch zum Ende.
Spoiler: Ausführliche BesprechungEnthält Handlungsdetails. Bewusst öffnen.
Zwei Geschichten vom verschwindenden Kontakt
Zunächst laufen zwei Geschichten nebeneinander. Michi arbeitet in einer Gärtnerei. Auf den Tod ihres Kollegen Taguchi folgen weitere Fälle, in denen Menschen verschwinden. Anderswo versucht der Student Ryosuke, ins Internet zu kommen. Verstörende Bilder isolierter Menschen erscheinen auf seinem Computer. Harue, die sich mit der Technik auskennt, hilft ihm bei der Suche nach einer Erklärung. Kurosawa führt diese Handlungsstränge später zusammen. Lange vorher teilen sie bereits ein unübersehbares Gefühl: Überall brechen menschliche Verbindungen auseinander.
Ein Fenster, das zur Grenze wird
Der Computer verspricht Zugang. Seine Bilder zeigen Menschen, die unerreichbar wirken. Wir können sie sehen, aber Sichtbarkeit schafft keine Nähe. Darin steckt der zutiefst beunruhigende Gedanke des Films. Eine Kamera kann uns jemanden zeigen, ohne uns Zugang zu seinem Leben zu verschaffen. Ein Zimmer auf einem Bildschirm bleibt ein Zimmer, in dem jemand allein sitzt. Das Fenster zu anderen Menschen wird selbst zu einer Grenze.
Die Distanz füllt das Bild
Kurosawa trägt dieses Gefühl über die Monitore hinaus. Die Figuren bewegen sich durch weite Räume, getrennt durch Türen, Glas und Schattenflächen. Wir sehen ihre Umgebung, ohne uns darin sicher orientieren zu können. Gespräche überwinden diese Entfernung nur selten. Selbst wenn zwei Menschen gemeinsam im Bild stehen, wirkt der Raum zwischen ihnen manchmal größer als alles, was ihr Versuch einer Annäherung überwinden könnte.
Ein Körper bewegt sich einen Tick falsch
Eine Begegnung mit einer langsam näher kommenden Frau macht das besonders deutlich. Ihre Bewegung gerät kurz aus dem Gleichgewicht. Ein gewöhnlicher menschlicher Körper macht etwas, das auf kaum greifbare Weise falsch aussieht. Kurosawa lässt uns Zeit, diese Abweichung wahrzunehmen. Wegzusehen wäre eine Erleichterung, doch der Film hält uns in der Situation fest. Etwas Vertrautes verhält sich nicht mehr so, dass wir ihm trauen können. Und wir müssen weiter zusehen, wie es auf uns zukommt.
Rotes Klebeband macht die Gefahr nicht berechenbar
Mit rotem Klebeband versiegelte Türen markieren die Gefahr auffällig. Eine solche Warnung deutet eine Grenze an: Hier endet die Sicherheit. Daraus entsteht jedoch nie ein verlässliches Regelwerk. Auch die Vermutung, die Welt der Toten sei überfüllt, ist eine Theorie innerhalb der Geschichte. Sie bietet eine Möglichkeit, sich diese Geister vorzustellen, ohne zu einer vollständig bestätigten Erklärung ihrer Welt zu werden.
Eine Stadt verliert ihre Menschen
Mit dem Verschwinden der Menschen verändert sich der Maßstab. Aus einem beunruhigenden Vorfall unter Kollegen wird eine Katastrophe, die eine ganze Stadt erfasst. Leere Straßen und verlassene Orte machen den Zusammenbruch sichtbar. Die Welt endet, indem sie ihre Bewohner verliert. Gewöhnliche Orte bleiben als Hüllen zurück. Diese menschenleeren Räume wirken gerade deshalb so trostlos, weil wir verstehen, wofür sie einmal da waren, und uns die Menschen vorstellen können, die eigentlich noch dort sein müssten.
Der Wunsch nach Kontakt ist nicht der Fehler
Pulse gibt nicht einfach leichtsinnigen Internetnutzern die Schuld. Ryosuke sucht Kontakt, Harue kämpft mit ihrer Einsamkeit und Michi versucht, andere Menschen zu erreichen. Ihre Bedürfnisse sind nachvollziehbar. Beklemmend ist, wie wenig sie gegen den Zusammenbruch ausrichten können. Der Film drückt eine Angst aus, die über seine in die Jahre gekommenen Computer hinausgeht: Wir könnten immer mehr voneinander erfahren, ohne füreinander erreichbar zu werden.
Wenn die Distanz auch die Erzählung schwächt
Kurosawa lässt das nicht alles mühelos ineinandergreifen. Die wechselnden Figuren und zurückgehaltenen Erklärungen können die erzählerischen Verbindungen schwächen. Manche Passagen dauern länger, als ihre Ideen tragen. Diese Distanz kostet den Film auch emotionale Unmittelbarkeit. Gleichzeitig passt seine Sperrigkeit zu einer Welt, in der Verständigung selbst immer schwieriger wird. Die Bilder wirken weiter, selbst wenn die Geschichte auf der Stelle zu treten scheint.
Was auf dem Schiff bleibt
Am Ende entkommen Michi und Ryosuke auf ein Schiff. Doch gemeinsam fortzugehen kann seine Begegnung mit einem Geist nicht rückgängig machen. Schließlich verschwindet auch er. Michi bleibt die Erinnerung an ihre Verbindung. Sie konnte den Zusammenbruch nicht verhindern. Bedeutungslos wird sie dadurch nicht.
Ein Bild der Einsamkeit, das bleibt
Pulse gibt der Einsamkeit eine verstörende körperliche Form. Man kann jemanden sehen, neben ihm stehen und ihn trotzdem verlieren. Ein beunruhigender, kompromissloser Film, dessen stärkste Bilder lange nachwirken: 9 von 10 Punkten.
