„Die Barbaren – Willkommen in der Bretagne“ ist eine Satire, die sich was traut. Julie Delpy, die hier Regie führt, das Drehbuch mitgeschrieben hat und auch selbst vor der Kamera steht, nimmt uns mit in ein bretonisches Dorf, das sich weltoffen gibt – solange alles nach Plan läuft. Als dann aber nicht die erwartete ukrainische Familie, sondern syrische Geflüchtete ankommen, bricht in der Gemeinschaft eine ganz andere Wahrheit auf.
Sechs Kapitel über die Dorfidylle
Die Geschichte ist in sechs Kapitel unterteilt, was dem Film einen fast literarischen Rhythmus gibt. Jedes Kapitel entlarvt ein Stück mehr die Fassade aus Solidaritätsfloskeln und doppelbödiger Menschlichkeit. Was als leichtfüßige Komödie beginnt, nimmt zunehmend satirische und schließlich dramatische Züge an. Genau das macht die Erzählung so reizvoll: Der Film spielt mit Erwartungen, unterläuft sie, hält einem aber immer wieder den Spiegel vor. Die Dorfbewohner agieren wie ein gut geöltes Theaterensemble, das sich plötzlich in einem ganz anderen Stück wiederfindet.
Delpy und Kiberlain
Julie Delpy spielt Joëlle, eine Lehrerin, die an eine fast radikale Form von Humanismus glaubt – ihre Figur wirkt wie das moralische Rückgrat der Geschichte, ist dabei aber auch nicht frei von Eitelkeit und Selbstgerechtigkeit. Besonders stark sind die Szenen, in denen sie mit Anne (gespielt von Sandrine Kiberlain) interagiert – Anne, depressiv, überfordert, zutiefst menschlich, wird zur vielleicht ehrlichsten Figur des Films. Und dann ist da Hervé – ein polternder, ewig grantelnder Dorfnationalist, herrlich überzeichnet und gleichzeitig erschreckend echt. In ihm bündelt sich all das Unbehagen, das viele lieber nicht ansprechen wollen.
Die syrische Familie
Die syrische Familie, gespielt von Ziad Bakri, Dalia Naous, Rita Hayek und Farès Helou, bringt einen ruhigen Kontrapunkt ins Geschehen. Ihre Präsenz ist still, aber eindringlich. Ohne viel Pathos oder große Monologe zeigen sie, was es heißt, an einem Ort willkommen sein zu sollen, an dem man eigentlich nur geduldet ist. Gerade die Szene, in der sie ein selbstgedrehtes Video aus Syrien zeigen und dabei der Ton weiterläuft, während das Bild schwarz bleibt – das ist mutiges Kino. Reduziert, aber maximal wirkungsvoll.
Landschaft und Grenzen im Kopf
Optisch ist der Film klar, unaufgeregt, mit einem Blick für Details. Die bretonische Landschaft bleibt dabei nicht bloße Kulisse, sondern wirkt wie eine Metapher für die Ambivalenz des Geschehens: schön, weit, aber voller Mauern im Kopf. Und genau das greift der Film immer wieder auf. Er stellt keine einfachen Fragen und bietet noch weniger einfache Antworten. Stattdessen bringt er uns dazu, über unsere eigenen Filterblasen nachzudenken – wie schnell wir bereit sind, Hilfe zu geben, solange sie nicht zu unbequem wird.
Brüche im Ton
Trotz allem hat der Film auch Schwächen. Die Übergänge vom Komischen ins Ernste sind nicht immer fließend. In der zweiten Hälfte wird’s stellenweise zäh, und einige Figuren verlieren an Tiefe. Da wirkt manches eher wie Typentheater als echte Menschen. Aber das ist kein Totalausfall, sondern eher eine kleine Delle in einem ansonsten sehr starken Werk.
Fazit
Unterm Strich ist das hier eine clevere, scharfe, aber nie zynische Satire. Sie ist witzig, politisch, menschlich. Ich gebe dem Film 7 von 10 Punkten. Kein Meisterwerk, aber definitiv sehenswert – gerade für alle, die nicht nur lachen, sondern auch ein bisschen nachdenken wollen.
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