DAS UNABHÄNGIGE FILMJOURNALHorrOctober2026
filmbuZZer
← Zurück zu den SerienSERIENKRITIK / 2025

Vom Rockstar zum Killer: Ruhm, Gewalt und öffentliches Wegsehen

Die nüchterne Dokumentation geht über den Skandal hinaus und fragt nach dem Umgang mit Gewalt durch berühmte Männer.

Vom Rockstar zum Killer 🔎 Der Fall Bertrand Cantat neu aufgerollt
Thumbnail des ursprünglichen filmbuZZer-Videos.

Diese dreiteilige Doku-Serie ist alles andere als leichte Kost. Sie behandelt einen der erschütterndsten und bis heute kontroversesten Kriminalfälle der französischen Popkultur. Bertrand Cantat, einst gefeierter Frontmann der Band Noir Désir, tötet im Sommer zweitausenddrei seine Lebensgefährtin, die Schauspielerin Marie Trintignant, in einem Hotelzimmer in Vilnius. Was dann folgt, ist ein komplexes Geflecht aus Schuld, öffentlichem Umgang mit Gewalt gegen Frauen, und der Frage: Kann man einen Künstler vom Täter trennen?

Die Serie rollt den Fall chronologisch und sachlich auf – und das ist gut so. Ohne reißerische Musik oder künstliche Dramatik lässt sie Zeugen, Familienmitglieder, Juristen, Freunden und Journalisten sprechen. Insgesamt wurden über sechzig Archivquellen genutzt, ergänzt durch bisher unveröffentlichtes Material. Das gibt dem Ganzen Tiefe und lässt Raum für eigene Gedanken, statt eine bestimmte Meinung aufzudrängen.

Was ich besonders stark finde: Die Serie bleibt nicht stehen bei der Nacht in Vilnius. Sie zeigt auch, wie Cantats Rückkehr in die Öffentlichkeit – mit musikalischen Comebacks – zu einem gesellschaftlichen Beben wurde. Viele konnten und wollten das nicht akzeptieren. Und spätestens hier beginnt Vom Rockstar zum Killer zu zeigen, worum es wirklich geht: um Macht, um Strukturen, um eine Öffentlichkeit, die lange bereit war wegzuschauen – nicht nur bei Cantat.

Auch der Suizid von Krisztina Rády, Cantats Ehefrau, im Jahr zweitausendzehn, wird nicht ausgeklammert. Ihre Aussagen, ihre Notizen, ihre Isolation – das alles legt sich wie ein zweiter Schatten über die Geschichte. Und spätestens an diesem Punkt stellt die Serie unbequeme Fragen. Wie sichtbar ist häusliche Gewalt wirklich? Wann kippt Charisma in Kontrolle? Und warum dauert es oft so lange, bis Betroffene ernst genommen werden?

Der Doku-Serie gelingt es, diese Themen nüchtern und eindringlich zu vermitteln. Die Inszenierung bleibt ruhig, fast schon zurückhaltend – aber genau das macht sie so stark. Es geht hier nicht um die Person Cantat als Skandalfigur, sondern um ein System, das Männer schützt, solange sie talentiert oder berühmt sind.

Klar ist: Diese Serie will keine Antworten geben, sie will konfrontieren. Und das gelingt. Für Menschen, die in Frankreich mit dem Fall aufgewachsen sind, wird sie schmerzhaft sein. Für alle anderen ist sie ein wichtiger, kluger Beitrag zu einem Thema, das immer noch zu oft verdrängt wird.

Die Kritik auf YouTubeDu schaust lieber zu? Dieser Artikel gehört zur veröffentlichten filmbuZZer-Kritik.Kritik auf YouTube ansehen