Untold: The Liver King widmet sich dem Fitness-Influencer Brian Johnson. Und wer sich jetzt fragt, ob es sich lohnt, sich knapp siebzig Minuten lang mit einem muskelbepackten Influencer auseinanderzusetzen, der sich täglich rohe Leber reinschiebt, dem sage ich: Ja, das lohnt sich – zumindest teilweise.
Im Mittelpunkt der Doku steht Brian Johnson, besser bekannt als der „Liver King“. Ein Mann, der durch eine Mischung aus archaischem Lifestyle, Social-Media-Showmanship und einem durchtrainierten Körper zur Ikone der Selbstoptimierungsbewegung wurde. Er predigte neun "ursprüngliche Prinzipien", aß rohes Fleisch in rauen Mengen, rannte barfuß durch Wälder und verkaufte dazu passende Supplements in Millionenhöhe. Alles unter dem Banner: „Ich brauche keine Steroide, ich bin Natur pur.“ Spoiler: War natürlich gelogen.
Die Doku beginnt mit der Faszination, die Johnson auf seine Fans ausübte. Er wurde gefeiert wie ein Guru, wie ein Erlöser für Männer, die sich schwach, zivilisationsmüde oder einfach verloren fühlten. Seine Videos gingen viral, seine Umsätze explodierten, seine Marke wuchs. Und das alles mit einer klaren Message: Wer so lebt wie ich, wird stark, gesund und unbesiegbar. Aber genau hier setzt die Doku auch an – denn irgendwann kam der Bruch.
Als herauskam, dass der Liver King sich für mehrere tausend Dollar im Monat mit leistungssteigernden Substanzen vollpumpt, fiel das Kartenhaus zusammen. Und ja, die Doku zeigt diesen Moment der Entzauberung recht gut. Sie beleuchtet die Reaktionen, den Schock, den Vertrauensverlust. Man sieht, wie aus einer vermeintlichen Ikone eine fragwürdige Figur wird – und wie schwierig es ist, zwischen Performance und Persönlichkeit zu unterscheiden.
Visuell ist Untold: The Liver King solide inszeniert. Interviews, Archivmaterial, Social-Media-Clips – das übliche Format, gut geschnitten und durchaus unterhaltsam. Auch Johnson selbst kommt ausführlich zu Wort, was spannend ist, weil man merkt, wie sehr er an seinem Image hängt – selbst dann noch, wenn es längst bröckelt. Er gibt sich reuig, aber nicht wirklich gebrochen. Und das lässt einen etwas ratlos zurück.
Was mir fehlt, ist eine tiefere Analyse der Auswirkungen. Ja, es wird angedeutet, dass viele junge Männer seinem Vorbild nacheiferten. Aber was bedeutet das konkret? Wie viele haben gesundheitlich gelitten, weil sie seine Methoden kopiert haben? Wie gefährlich ist ein Vorbild, das toxische Männlichkeitsideale mit Steroiden und Marketingmaschinerie verknüpft? Hier bleibt die Doku zu zahm.
Sie funktioniert gut als Porträt eines Phänomens. Sie zeigt, wie leicht sich im digitalen Zeitalter eine Figur erschaffen lässt, die größer wirkt als das Leben selbst. Aber sie verpasst die Chance, die gesellschaftliche Dimension dahinter wirklich zu hinterfragen. Was bleibt, ist das Bild eines Mannes, der seine Unsicherheiten mit Muskeln bekämpfte und dafür gefeiert wurde – bis er aufflog.
Untold: The Liver King ist unterhaltsam, teilweise aufschlussreich, aber auch ein bisschen zu freundlich. Für Fans der Reihe und für alle, die sich für das Zusammenspiel von Social Media, Körperbildern und Geschäftssinn interessieren, definitiv sehenswert. Nur eben nicht so bissig, wie ich’s mir gewünscht hätte.
