In „The Prosecutor“ (2024) nimmt sich Donnie Yen ein Justizdrama vor. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Denn was als juristischer Thriller beginnt, verwandelt sich zunehmend in einen martialischen Abgesang auf ein korruptes System, in dem Faustrecht manchmal schneller für Gerechtigkeit sorgt als Paragraphen.
Die Handlung dreht sich um Fok Chi-ho, gespielt von Yen selbst, ein Ex-Cop, der nun als Staatsanwalt arbeitet. Sein erster Fall: ein junger Mann, der wegen Drogenschmuggels verhaftet wurde – angeblich als Einzeltäter. Doch irgendwas stinkt an der Geschichte. Fok beginnt zu graben und stößt auf ein System, das längst nicht mehr zwischen Recht und Macht unterscheidet. Die Justiz ist nicht blind, sondern weggedreht. Und genau hier entfaltet der Film sein Potenzial – zumindest phasenweise.
Donnie Yen zeigt, dass er nicht nur mit Fäusten, sondern auch mit Mimik spielen kann. Sein Charakter ist stoisch, innerlich zerrissen, zwischen Pflicht und Überzeugung gefangen. Er trägt den Film – selbst dann, wenn der Plot ins Stolpern gerät. Denn ja, die Erzählstruktur ist nicht frei von Schwächen. Besonders die Gerichtssequenzen wirken streckenweise überladen, unnötig kompliziert und verlieren oft das Timing. Man merkt, dass der Film mehr will, als er letztlich stemmen kann. Die Balance zwischen packendem Justizdrama und wuchtiger Action wackelt – mal zugunsten der einen, mal der anderen Seite. Aber selten im Gleichklang.
Das bedeutet nicht, dass der Film nicht funktioniert. Ganz im Gegenteil: Wenn er funktioniert, dann knallt er richtig. Die Actionszenen – insbesondere eine grandios inszenierte Prügelei in einem MTR-Zug – sind messerscharf, körperlich und dreckig. Die körperliche Wucht der Stuntarbeit steht im Mittelpunkt. Yen weiß genau, wie man Körper in Bewegung setzt. In diesen Momenten blitzt Größe auf. Auch visuell überzeugt der Film immer wieder durch starke, klare Bilder. Gerade die nächtlichen Szenen in der Stadt, mit harten Kontrasten und pointierter Kameraarbeit, haben Stil.
Die Nebenrollen hingegen bleiben größtenteils blass. Einige Charaktere wirken wie dramaturgische Platzhalter, ohne echten Hintergrund oder Entwicklung. Das schwächt vor allem die emotionale Fallhöhe. Wenn man sich um die Figuren nicht kümmert, lässt einen auch ihr Schicksal kalt. Besonders die Gegenspieler sind wenig mehr als Karikaturen – zu offensichtlich böse, zu platt gezeichnet. Ein bisschen mehr Ambivalenz hätte hier Wunder gewirkt.
Trotzdem: Der Film hat Mut. Er wagt einen Brückenschlag zwischen zwei Genres, die selten miteinander harmonieren. Er will etwas sagen – über Gerechtigkeit, Schuld und persönliche Verantwortung. Und auch wenn nicht jede Szene sitzt, nehme ich ihm den Anspruch nicht übel. Eher im Gegenteil: In einer Kinolandschaft, die oft auf Nummer sicher geht, ist so ein Versuch erfrischend. Der Film ist kein Meisterwerk, aber ein Statement. Ein Film, der sich reibt, statt sich einzuschleimen.
Ich gebe offen zu: Ich hatte nicht mit viel gerechnet. Und vielleicht genau deshalb hat mich „The Prosecutor“ stellenweise überrascht. Klar, die Story ist nicht lückenlos, das Pacing schwankt, und nicht jede Figur zündet. Aber was funktioniert, funktioniert mit Wucht. Donnie Yen bringt seine Stärken ein und zeigt gleichzeitig neue Seiten. Kein rundes Erlebnis, aber ein intensives. Wer nur Gerichtsdrama will, wird enttäuscht. Wer nur Action sucht, bekommt sie – muss aber Geduld mitbringen. Und wer beides verkraftet, bekommt einen Film, der uneben, aber nie langweilig ist.
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