Loyal Friend heißt im Original The Friend. Was auf den ersten Blick nach einem typischen „Mensch und Hund trauern gemeinsam“-Drama klingt, ist in Wirklichkeit ein vielschichtiger, melancholischer und angenehm unsentimentaler Film über Verlust, Intimität und die ganz große Einsamkeit inmitten der Großstadt.
Im Mittelpunkt steht Iris, gespielt von Naomi Watts, eine Schriftstellerin und Uni-Dozentin, deren bester Freund und ehemaliger Mentor Walter sich das Leben nimmt. Als sei das nicht schon genug, hinterlässt Walter ihr seine riesige Deutsche Dogge Apollo. Der Hund ist kein süßer Sidekick – er ist groß, schwer, zerstörerisch, und in Iris' winziger New Yorker Wohnung völlig fehl am Platz. Doch genau da beginnt die Geschichte wirklich. Iris und Apollo begegnen sich in der gleichen Verfassung: verletzt, überfordert, und unfähig, mit der Welt klarzukommen.
Was mich sofort beeindruckt hat, ist, wie ruhig und klug der Film erzählt ist. Es gibt keine dramatischen Musik-Crescendos, keine rührseligen Rückblenden mit Zeitlupen. Stattdessen wird Iris’ Trauer so gezeigt, wie sie im echten Leben oft ist: diffus, unaufgelöst, manchmal wütend, manchmal leer. Naomi Watts spielt das mit einer Zurückhaltung, die unter die Haut geht. Ihre Iris ist keine typische Kinofigur, sondern eine komplexe, oft widersprüchliche Frau, die sich weder in Tränen auflöst noch in Tatendrang flüchtet. Ihre Beziehung zu Apollo ist das emotionale Zentrum des Films – nicht als Ersatz für Walter, sondern als eigenständige, langsam wachsende Verbindung.
Apollo selbst – gespielt vom Hund Bing – ist mehr als nur ein emotionaler Anker. Er ist fast wie eine Projektionsfläche für Iris’ inneres Chaos. Mal brutal, mal sanft, immer präsent, aber nie verniedlicht. Der Hund ist eine Wucht auf der Leinwand, und einige der stärksten Szenen sind jene, in denen nichts gesprochen wird – Iris sitzt auf dem Boden, Apollo lehnt sich an sie, und man spürt einfach alles.
Die Rückblenden zu Walter – dargestellt von Bill Murray – sind knapp, aber wirkungsvoll. Er ist charmant, egomanisch, verletzend und doch irgendwie bewundernswert. Die Beziehung zwischen ihm und Iris war eng, aber auch kompliziert, und der Film hat keine Angst davor, diese Ambivalenz stehen zu lassen. Hier wird nichts glattgebügelt, niemand heiliggesprochen. Es gibt Untertöne von emotionalem Machtmissbrauch, ungeklärte Vorwürfe, und trotzdem eine tiefe Verbundenheit, die über den Tod hinauswirkt.
Inszenatorisch ist der Film ruhig, fast literarisch. Das Drehbuch erlaubt sich lange Dialoge, gedankliche Abschweifungen, fast essayartige Passagen. Ja, das Tempo ist langsam, stellenweise vielleicht etwas zu ausgedehnt – gerade im Mittelteil hätte man die Schleifen etwas straffen können. Und einige Nebenfiguren bleiben blass: eine von Walters Ex-Frauen, ein paar Studierende, selbst seine Tochter wirken eher wie dramaturgische Platzhalter. Aber das stört nicht entscheidend, denn der Fokus liegt ganz klar auf Iris und Apollo – und das funktioniert.
Was Loyal Friend so besonders macht, ist die Tiefe, mit der hier über Freundschaft, Erinnerung und das Weiterleben nach dem Verlust gesprochen wird. Es ist ein stiller Film, einer, der lange nachwirkt, ohne dass er sich dafür aufdrängt. Kein emotionales Dauerfeuer, sondern eine leise, feine Melancholie, die sich langsam entfaltet. Für mich ist das ein Film, der nicht jeden erreichen wird – aber wer sich auf das Tempo und die Zwischentöne einlässt, wird belohnt. Ich gebe Loyal Friend dreieinhalb von fünf Sternen.
