Bei My Oxford Year sage ich ganz ehrlich: ich habe mehr erwartet. Der Film will Rom‑Com und tragisches Liebesdrama gleichzeitig sein, verheddert sich aber in genau dieser Ambition. Was locker beginnt, endet tonnenschwer, und auf dem Weg dazwischen bleibt leider einiges auf der Strecke.
Die Geschichte dreht sich um Anna, eine ehrgeizige Amerikanerin, die für ein Jahr nach Oxford geht, obwohl sie in den USA bereits einen sicheren Karrierestart vor sich hat. Anna will ihren Horizont erweitern, Gedichte lesen, Fish and Chips essen und vielleicht einen hübschen Akzent aufschnappen. Stattdessen läuft sie Jamie in die Arme – wortwörtlich. Beim ersten Aufeinandertreffen wird sie von ihm komplett durchnässt, was natürlich nur der Anfang des unausweichlichen Flirts ist. Überraschung: Jamie ist nicht nur charmant, sondern auch ihr Dozent. Dass es da knistert, liegt auf der Hand. Nur leider zündet dieses Knistern nie so richtig.
Die ersten vierzig Minuten funktionieren noch recht charmant. Oxford wird in perfektem Licht gezeigt – wie ein Instagram‑Feed mit Altbauten, Bibliotheken und herbstlichem Licht. Die Dialoge plätschern solide dahin, die Nebenfiguren wie Annas Mitbewohner oder Jamies Freunde fügen etwas Farbe hinzu. Und trotzdem bleibt alles erstaunlich oberflächlich. Die romantische Chemie zwischen Anna und Jamie? Eher warme Brühe als Lagerfeuer. Man versteht, dass die beiden ein Paar werden sollen, aber man fühlt es nicht. Die Szenen, in denen sich ihre Beziehung vertieft, wirken wie Pflichtprogramm: gemeinsames Kochen, Spaziergänge bei Nacht, bedeutungsvolle Blicke – alles da, aber ohne Gefühlstiefe.
Spoiler: Das Ende erklärtNur öffnen, wenn du die Auflösung erfahren möchtest.
Und dann kippt der Ton. Der Film verrät uns, dass Jamie schwer krank ist. Eine Erbkrankheit. Unheilbar. Der charmante Typ, der gerade noch Shakespeare zitiert hat, trägt eine tickende Uhr in sich. Ab hier will der Film emotional werden – und zwar mit Wucht. Doch weil davor kaum echtes Vertrauen oder Nähe aufgebaut wurde, fühlt sich der emotionale Bruch eher wie ein Drehbuchkniff an als wie ein Schicksalsschlag. Annas Entscheidung, ihren USA‑Job aufzugeben und bei Jamie zu bleiben, wirkt mehr wie der Abschluss eines Kapitels als ein echter innerer Konflikt.
Das große Problem ist: Der Film traut sich nie wirklich, in die Tiefe zu gehen. Themen wie Tod, Abschied, Lebensentscheidungen oder familiäre Traumata werden nur angerissen. Stattdessen verlässt sich die Inszenierung auf altbewährte Mittel: Zeitlupen, traurige Musik, ein letzter Tanz. Aber diese Werkzeuge funktionieren nur, wenn der emotionale Unterbau stimmt – und der fehlt hier.
Auch das Schauspiel bleibt hinter den Möglichkeiten zurück. Sofia Carson spielt Anna solide, aber oft etwas glatt. Man sieht ihr an, dass sie sich Mühe gibt, doch echte Nuancen fehlen. Corey Mylchreest hat Charme, klar – aber wenn es ernst wird, bleibt seine Performance zu kontrolliert. Die Krankheit bleibt ein Storyelement, keine spürbare Realität.
Visuell ist der Film schön anzusehen – keine Frage. Oxford wird fast schon touristisch zelebriert. Doch dieses ständige Schönsein wirkt irgendwann steril. Es fehlt der Schmutz, die Unsicherheit, das Unperfekte – genau das, was echte Liebe und echter Verlust eigentlich ausmacht.
Am Ende bleibt ein Film, der eine bewegende Geschichte erzählen will, aber nicht den Mut hat, sie wirklich zu durchleben. My Oxford Year ist hübsch anzusehen und streckenweise sympathisch – aber emotional bleibt er weit unter seinem Potenzial. Wer leichte Netflix‑Romantik mit einem Hauch Tragik sucht, wird zufrieden sein. Wer echtes Herzklopfen und tiefe Gefühle will, sollte sich anderswo umsehen.
