Ein Film, der sich mit psychischer Gesundheit unter Jugendlichen beschäftigt – und das auf eine Art, die nicht laut schreit, sondern tief bohrt. Keine Schockeffekte, keine billige Dramatik, sondern ein ruhiger, klarer Blick auf eine Clique, die plötzlich mit der Möglichkeit eines Suizids im eigenen Umfeld konfrontiert wird.
Im Zentrum stehen vier Jugendliche: Julia, Mina, Tom und Waldi. Sie bekommen an einem Schultag über einen anonymen Hinweis mit, dass sich möglicherweise jemand aus ihrer Klasse oder aus ihrer unmittelbaren Umgebung das Leben nehmen will. Was folgt, ist kein Thriller, kein klassisches Whodunit, sondern ein psychologisches Kammerspiel im Schulflur. Die Frage ist nicht, wer es ist. Die Frage ist: könnte es einer von uns sein?
Die Stärke dieses Films liegt genau da: Er lässt die Situation atmen. Man sieht, wie die Jugendlichen versuchen, sich gegenseitig zu beruhigen, während der Zweifel trotzdem wächst. Jede Geste wird anders gelesen, jeder Satz bekommt ein doppeltes Gewicht. Plötzlich ist nichts mehr selbstverständlich. Das Vertrauen beginnt zu bröckeln. Dabei wird niemand überzeichnet. Alle Figuren sind glaubwürdig, viele Gespräche wirken improvisiert – so, wie echte Gespräche zwischen Jugendlichen eben klingen, wenn sie nicht wissen, ob sie ernst genommen werden oder sich lieber zurückziehen sollen.
Die Regie von Simon Ostermann ist angenehm unaufgeregt. Er lässt seinen Darstellerinnen und Darstellern Raum. Keine wackelige Betroffenheitskamera, keine melancholisch aufgeblasene Musikspur – der Film hält sich zurück und trifft damit umso mehr. Auch die visuelle Sprache passt: matte Farben, wenig Bewegung, viel Standbild. Die Schule wirkt dabei fast wie ein Gefängnis. Nicht im architektonischen Sinne, sondern psychologisch. Ein Ort, an dem man funktionieren muss, obwohl es im Inneren längst brodelt.
Die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler machen einen starken Eindruck. Mina-Giselle Rüffer als Julia bringt genau diese Mischung aus Härte und innerer Zerrissenheit mit, die man ihr sofort abnimmt. Derya Akyol spielt Mina stiller, kontrollierter, fast zu perfekt – was sich später als bewusste Fassade entpuppt. Kosmas Schmidt als Tom und Lukas von Horbatschewsky als Waldi zeigen zwei sehr verschiedene Wege, mit Druck umzugehen – der eine verkrampft, der andere verdrängt. Alle vier tragen den Film gemeinsam, ohne dass sich jemand in den Vordergrund drängt.
Das Drehbuch von Lucas Flasch setzt auf Zwischentöne. Es gibt keine einfachen Erklärungen, keine Schuldzuweisungen. Stattdessen bleibt vieles unausgesprochen, was genau richtig ist für ein Thema wie dieses. Denn Suizidgedanken entstehen selten aus einem einzelnen Ereignis. Es ist das Zusammenspiel vieler kleiner Dinge – Ausgrenzung, Leistungsdruck, Einsamkeit, Unsicherheit, familiäre Erwartungen. Der Film nimmt das ernst. Und er zeigt: Manchmal ist es genau dieses kollektive Schweigen, das am lautesten schreit.
Klar, der Film ist voll. Man könnte sagen: zu voll. Neben dem Hauptthema packt er noch Themen wie Sexualität, Herkunft, Klassenzugehörigkeit und digitale Überforderung mit rein. Aber genau das ist auch Realität. Das Leben von Jugendlichen ist nicht sortiert, sondern chaotisch. Und Von uns wird es keiner sein bildet das ziemlich genau ab.
Ich finde, das ist ein wichtiger Film. Nicht, weil er Lösungen anbietet, sondern weil er Fragen stellt. Und weil er ein Gefühl für das erzeugt, was unter der Oberfläche schlummert. Ich gebe vier von fünf Punkten. Und empfehle: anschauen – nicht aus Neugier, sondern aus Respekt.
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