Bei Straw sage ich gleich vorweg: Dieser Film hat mich auf eine Art erwischt, wie es nur selten passiert. Tyler Perry wirft uns mitten in einen Albtraum, der leider für viele Menschen bittere Realität ist. Wir begleiten Janiyah, gespielt von Taraji P. Henson, durch einen einzigen Tag – aber was für ein Tag das ist. Ein Tag, der so voller Rückschläge, Stress, Ohnmacht und Druck ist, dass du schon nach zwanzig Minuten das Gefühl hast, die Luft wird dünn.
Janiyah ist eine alleinerziehende Mutter, deren Tochter schwer krank ist. Sie verliert ihren Job, bekommt ihr Auto abgeschleppt, wird von ihrem Vermieter rausgeworfen – und das alles innerhalb weniger Stunden. Was sich da aufbaut, ist keine klassische Dramaturgie, sondern eine emotionale Lawine. Und Taraji P. Henson trägt das mit einer unfassbaren Wucht. Man sieht ihr in jeder Szene an, wie sehr sie kämpft – nicht nur gegen äußere Umstände, sondern auch gegen das eigene Zerbrechen. Ihre Performance ist roh, wütend, ehrlich und an vielen Stellen schwer auszuhalten – im besten Sinne.
Die Geschichte eskaliert, als sie sich in einer Bank wiederfindet – bewaffnet, erschöpft, nicht mehr fähig, rational zu handeln. Es ist kein klassischer Banküberfall, sondern ein Akt der Verzweiflung. Die Situation spitzt sich zu, Medien stehen draußen, eine Verhandlerin (gespielt von Teyana Taylor) versucht Kontakt aufzubauen. Die Dialoge in diesen Szenen sind hart, direkt und voller politischer Untertöne. Es geht um Rassismus, Armut, psychische Gesundheit und die Frage, wie viel ein Mensch eigentlich aushalten kann, bevor er bricht.
Und genau da schlägt Straw voll rein. Der Film macht klar, wie teuer es ist, arm zu sein. Wie viele Hürden, Demütigungen und Ängste ein Mensch durchleben muss, wenn er ganz unten steht – ohne Netz, ohne doppelten Boden. Es gibt keine subtilen Andeutungen, Perry legt die Wunden offen auf den Tisch. Und auch wenn das manchmal etwas zu plakativ wirkt, trifft es emotional immer mitten ins Ziel.
Spoiler: Das Ende erklärtNur öffnen, wenn du die Auflösung erfahren möchtest.
Das große Finale bringt dann eine Wendung, die alles noch einmal in ein anderes Licht rückt: Janiyahs Tochter ist bereits tot. Was wir gesehen haben, ist teilweise durchzogen von psychotischen Episoden, Trauer, Wahn und Schuldgefühlen. Dieser Twist fühlt sich nicht wie ein billiger Trick an, sondern wie ein brutaler Realitätsschock. Plötzlich ergibt vieles Sinn – und tut gleichzeitig noch mehr weh.
Die Nebenrollen liefern starke Unterstützung: Sherri Shepherd als Filialleiterin bringt Ruhe und Mitgefühl ins Chaos, Teyana Taylor überzeugt als empathische, aber bestimmte Polizistin. Und Sinbad, der nach einem echten Schlaganfall hier eine kleine Rolle spielt, bringt einen Moment der Menschlichkeit, der hängenbleibt.
Visuell ist Straw kein Highlight – viel Close-up, wackelige Kamera, ein bisschen zu viel Drama im Schnitt. Aber es passt zum Inhalt. Es soll wehtun. Es soll zeigen, wie kaputt ein System sein kann, das Menschen in solche Abgründe schiebt. Und das tut es.
Ich gebe Straw drei von fünf Sternen. Nicht, weil er perfekt ist – das ist er nicht. Aber weil er mutig ist. Weil er Themen aufgreift, die unbequem sind. Und weil Taraji P. Henson eine der besten Leistungen ihrer Karriere abliefert. Das hier ist kein Film, den man mal eben so nebenbei schaut. Das ist ein Film, der dich mitnimmt, aufreibt und nicht so schnell loslässt. Und genau deshalb lohnt er sich.
