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What Belongs to Others gewinnt Warschaus Grand Prix mit einer fremden Identität

Grzegorz Dębowskis Film begleitet eine Einbrecherin, die in das Leben eines Toten einzieht. Die Jury würdigt eine widersprüchliche Frauenfigur ohne vorschnelles Urteil.

Warschau zeichnet ein geliehenes Leben aus

Grzegorz Dębowskis What Belongs to Others hat beim 42. Internationalen Filmfestival Warschau den Warsaw Grand Prix gewonnen. Die Preise wurden am 17. Oktober verliehen; The Hollywood Reporter veröffentlichte die Ergebnisse am folgenden Tag. Die Jury hob die präzise Erzählweise und das vielschichtige, nicht vorschnell urteilende Porträt einer Frau hervor, die eine fremde Identität annimmt.

Gerade die Ausgangslage macht diese Begründung interessant. Kasia verdient ihr Geld damit, in fremde Wohnungen einzudringen. Nachdem sie einen toten Mann findet, zieht sie in dessen Apartment und beginnt, sein Leben zu rekonstruieren. Darin steckt ein Kriminalfilm. Zugleich ergibt sich eine unangenehmere Frage: Was passiert, wenn Sicherheit und Zugehörigkeit durch eine Lüge plötzlich leichter erreichbar sind als im eigenen Leben?

Eine Wohnung ist eine eingerichtete Biografie

Eine geliehene Identität liefert einem Thriller einen zuverlässigen Motor. Jemand kann auftauchen, der zu viel weiß. Eine Frage kann einen Widerspruch freilegen. Ein Gegenstand kann der behaupteten Geschichte widersprechen. Jedes Detail des übernommenen Lebens ist zugleich Möglichkeit und Gefahr. Deshalb braucht diese Ausgangslage keine große Verschwörung. Schon ein gewöhnlicher Moment des Wiedererkennens kann bedrohlich genug sein, um eine ganze Szene unter Spannung zu setzen.

Eine Wohnung enthält aber auch weniger spektakuläre Informationen. Besitztümer verraten Gewohnheiten, Beziehungen und Erwartungen. Sie erzählen davon, welche Art Mensch sich hier selbstverständlich zu Hause fühlen darf. Diesen Raum zu betreten, kann bedeuten, vorübergehend eine gesellschaftliche Position einzunehmen. Die Besitzfrage des Titels reicht deshalb über Gegenstände hinaus: Wer darf Sicherheit, Privatheit oder die selbstverständliche Annahme beanspruchen, irgendwo dazuzugehören?

New Europe Film Sales nennt Monika Kwiatkowska als Hauptdarstellerin und beschreibt Kasias Erkundung als Anstoß, das eigene Leben zu verändern. Das verschiebt den Ausgangspunkt gegenüber einer bloßen Eskalation von Straftaten. Die Täuschung kann Schaden anrichten. Zugleich kann sie Bedürfnisse sichtbar machen, die unter einem schnellen moralischen Etikett verschwinden würden. Die Jurybegründung legt nahe, dass gerade dieses Nebeneinander für ihre Entscheidung wichtig war.

Was Zugehörigkeit kostet

Der talentierte Mr. Ripley verbindet eine angenommene Identität mit dem Wunsch, in eine Welt gesellschaftlicher Leichtigkeit und Selbstsicherheit einzutreten. Seine Spannung lebt auch vom Abstand zwischen gespielter und tatsächlich empfundener Zugehörigkeit. Parasite nähert sich dem Haushalt von einer anderen Seite. Der Eintritt in ein bequemeres Zuhause verändert Bewegungen, Verhalten und den Vorstellungshorizont seiner Figuren. In beiden Fällen ist der Raum selbst ein aktiver Teil des Dramas.

Diese Vergleiche verraten nicht, wie Dębowski seinen Film inszeniert. Sie verdeutlichen, was an seiner Ausgangslage reizvoll ist. Wer einen Gegenstand nimmt, möchte etwas besitzen. Wer einen Platz in einem fremden Leben einnimmt, sucht eine Position, von der aus Wünsche überhaupt berechtigt erscheinen könnten. Diese Verschiebung kann aus einer geschickten Täuschungsgeschichte eine Untersuchung von Klasse und Einsamkeit machen, ohne dafür den Kriminalplot aufgeben zu müssen.

Eine Gefahr läge darin, Entbehrung zur automatischen Erklärung zu machen, die jede schwierige Entscheidung auflöst. Ein nicht verurteilendes Porträt darf trotzdem Konsequenzen zeigen. Ebenso muss die Fähigkeit zur Veränderung nicht das Unbehagen darüber beseitigen, wie diese Veränderung beginnt. Die interessanteste Fassung einer solchen Geschichte würde verlangen, Kasia zu verstehen, ohne ihr gleich einen vollständigen Freispruch auszustellen.

Worauf ein Festivalpreis aufmerksam machen kann

Zu den weiteren Warschauer Auszeichnungen gehören der Regiepreis für Cai Chengjies Suzhou Quartet und der Preis des Wettbewerbs für erste und zweite Langfilme an Lorin Terezis Agia. Es sind eigenständige Preise mit unterschiedlichen Aufgaben. Dębowskis Film bekommt durch den Grand Prix nach seiner Premiere in Venedigs Orizzonti-Reihe einen neuen Anlass für Aufmerksamkeit. Daraus wird noch kein einhelliges Urteil über seine gesamte bisherige Aufnahme.

An einer Jurybegründung ist oft besonders aufschlussreich, was sie betont. Hier wird nicht einfach eine besonders raffinierte Wendung gelobt. Es geht um eine schwierige Frau, der die Erzählung Aufmerksamkeit schenkt, ohne sofortige Bestrafung oder sentimentale Rettung zum alleinigen Ziel zu machen. Das ist ein gehaltvolles Versprechen für einen Film über ein Verhalten, das sich sonst in einem kurzen Satz abtun ließe.

What Belongs to Others hat damit eine deutlichere Einladung an Zuschauer, die soziale Thriller mögen: ein vertrauter Mechanismus, die angenommene Identität, trifft auf ein ungewöhnliches emotionales Bedürfnis. Der Preis macht den Film leichter sichtbar. Seine Ausgangslage gibt einen Grund, sich auch dann noch an ihn zu erinnern, wenn die Siegerliste längst wieder von der Startseite verschwunden ist.

Quellen