Ein vertrauter Ermittler, ein unsicher gewordenes Leben
Die BBC hat die britischen Rechte am neuen schwedischen Wallander erworben. MHz Choice übernimmt die Serie für die USA und Kanada, berichtet Deadline. Gustaf Skarsgård spielt Henning Mankells Ermittler. Die erste Staffel besteht aus drei Filmen von jeweils 90 Minuten. In Großbritannien sind BBC Four und BBC iPlayer vorgesehen. Zu Beginn ist Kurt 42, frisch getrennt und von seiner Tochter entfremdet.
Diese Kombination bietet mehr als die schlichte Rückkehr eines bekannten Namens. Mit 42 steht diese Version zwischen gefestigtem beruflichem Selbstbild und einem Privatleben, das sich nicht mehr ordnen lässt. Der Ermittler kann genug Erfahrung besitzen, um am Arbeitsplatz Autorität zu erwarten, und zugleich feststellen, dass sie ihm zu Hause wenig hilft. Keine der beiden Seiten muss lediglich eine Unterbrechung der jeweils anderen Handlung bilden.
Das Ende einer langjährigen Ehe eröffnet zudem eine andere Einsamkeit als das übliche Bild des Polizisten, der schon immer lieber gearbeitet hat. Eine Trennung verändert Routinen, über die zuvor niemand sprechen musste. Wer einen Anruf bekommt, wo ein Abend vergeht und welche kleine Verpflichtung vergessen wurde, kann den Zustand dieser Figur sichtbar machen. Nicht jedes Gespräch muss dafür ausdrücklich erklären, wie unglücklich der Mann inzwischen geworden ist.
Skarsgårds Aufgabe umfasst damit mehr als eine neue wiedererkennbare Silhouette in einer Krimilandschaft. Ein interessanter Wallander würde zwischen Gewohnheiten und Selbstbild unterscheiden. Jemand kann einem Fremden aufmerksam zuhören und die eigene Tochter schlecht verstehen. Dieser Widerspruch ergibt einen Menschen. Eine Liste privater Schwierigkeiten liefert dagegen zunächst nur ein Profil, aus dem die Inszenierung noch eine Figur machen muss.
Drei Filme geben jedem Fall eine eigene Form
Banijay hatte die Neuauflage bereits im Februar für die London TV Screenings vorgestellt. Als Produktions- und Auftragsrahmen nannte das Unternehmen Jarowskij/Yellow Bird und Banijay Rights sowie TV4 und ARD Degeto. Die jetzt gemeldeten internationalen Verkäufe erweitern dieses frühere Projekt. Sie sind keine erstmalige Ankündigung der Adaption.
Das Format von 90 Minuten besitzt einen konkreten dramatischen Reiz. Eine Ermittlung kann eigene Menschen, Orte und widersprüchliche Aussagen etablieren, bevor sie eine Auflösung erreicht. Ein Zeuge muss nicht zum wiederkehrenden Handlungsmotor werden, damit sich eine ausführlichere Szene mit ihm lohnt. Eine Gemeinde darf für einen Fall wichtig sein und anschließend ein Ort bleiben, den dieser Ermittler durchquert hat, ohne zwanghaft mit jeder späteren Entdeckung verbunden zu werden.
Diese abgeschlossene Form kann auch das Verhältnis zwischen Arbeit und Privatleben schützen. Ein Fall bewegt sich auf eine Antwort zu. Die familiäre Lage darf sich weniger gefällig entwickeln. Daraus entsteht Struktur: Eine geschlossene Akte macht ein versäumtes Gespräch nicht ungeschehen. Wiederholt neue Ermittlungen aufzunehmen, lässt kleine Veränderungen zu Hause anwachsen, ohne dass diese dafür selbst zu einem raffinierten Rätsel mit versteckten Hinweisen umgebaut werden müssen.
Längere Folgen erzeugen allerdings noch keine Geduld. Auch 90 Minuten können mit Erklärungen und späten Wendungen vollgestopft sein. Entscheidend ist, wofür die Zeit verwendet wird: einer Spur folgen, die eine soziale Beziehung offenlegt; ein Verhör seine Richtung ändern lassen; eine Reaktion noch zeigen, nachdem die nützliche Information längst ausgesprochen wurde. So kann Ermittlung als Begegnung mit anderen Leben erfahrbar werden und nicht nur als das effiziente Einsammeln notwendiger Auskünfte.
Internationale Wege brauchen örtliche Genauigkeit
Die schwedische Sprache macht auch die Eigenart des Schauplatzes zum Teil des internationalen Reizes. Ein Krimi reist gut, wenn seine emotionalen Konflikte verständlich sind. Austauschbar wird ein Ort dagegen, sobald jedes Zimmer, jede Institution und jede Begegnung zu einem allgemeinen Thrillerumfeld geglättet wird. Zur Rückkehr dieser Figur gehört deshalb die Möglichkeit, vertraute Schwierigkeiten wieder konkret erscheinen zu lassen und aus dem Alltag einer bestimmten Umgebung zu entwickeln.
Die neu genannten Partner öffnen einen Weg zu Zuschauern, die Kriminalgeschichten längst über Sprachgrenzen hinweg verfolgen. Künstlerisch zählt, ob die Kamera den Schauplatz als bewohnte Umgebung behandelt. Arbeitsorte brauchen Abläufe, Wohnungen Gebrauchsspuren und Wege eine spürbare Dauer. Solche Einzelheiten geben dem Ermittler etwas anderes zu durchqueren als eine bloße Folge von Hinweisen. Sie können zugleich erklären, weshalb bestimmte Menschen einander kennen, vertrauen oder ausweichen.
Wallanders stärkste Möglichkeit liegt im Zusammentreffen dieser Größenordnungen: ein Fall, der eine ganze Gemeinde erschüttert, und ein privater Austausch, der die Grenzen eines einzelnen Mannes offenlegt. Drei abendfüllende Filme können beides aufnehmen. Die internationalen Verkäufe machen diese Version leichter erreichbar. Ihre eigentliche Identität entsteht daraus, wie genau die Adaption die Menschen innerhalb des vertrauten Rahmens beobachtet und ihnen auch jenseits der Ermittlungsfunktion einen eigenen Alltag zugesteht.