Das verlinkte Interview bespricht Änderungen an der Handlung und das Ende.
Die Beziehung hinter den Liebesgeschichten
Diana Reid hat erläutert, weshalb sie die neue Fassung von Sense and Sensibility aus der Beziehung zwischen Elinor und Marianne entwickelt hat. Im am 20. Oktober veröffentlichten Variety-Interview beschreibt die Drehbuchautorin die Schwestern als Zentrum der Erzählung. Beide sollen voneinander lernen. Angestrebt ist ein Gleichgewicht zwischen Zurückhaltung und Leidenschaft, statt eine Schwester zum Problem zu erklären, das die andere korrigieren muss.
Das ist für eine Adaption eine bedeutsame Entscheidung. Zwei Liebesgeschichten können nebeneinander stattfinden, ohne dass daraus ein Film über Schwestern wird. Steht ihre Beziehung im Zentrum, müssen die Begegnungen mit möglichen Partnern auch verändern, wie die beiden einander verstehen. Ein Gespräch nach einem enttäuschenden Besuch kann genauso viel zählen wie der Besuch selbst. Der Aufbau einer Szene und die Frage, wessen Reaktion sie beendet, bestimmen ihr emotionales Gewicht.
Regie führt Georgia Oakley. Daisy Edgar-Jones spielt Elinor, Esmé Creed-Miles Marianne. Focus Features nennt den 16. Oktober als US-Kinostart. Außerdem sind Caitríona Balfe, Frank Dillane, George MacKay und Fiona Shaw dabei. Hinter der Produktion stehen Focus und Working Title; Reids Drehbuch beruht auf Jane Austens Roman.
Die ursprüngliche Studioankündigung beschreibt, wie sich die Schwestern zwischen Liebe, Verlust und finanzieller Unsicherheit bewegen und dabei gesellschaftlichen Erwartungen ausgesetzt sind. Gerade dieser letzte Punkt gehört ins Zentrum. Romantisches Zögern hat ein anderes Gewicht, wenn die Sicherheit eines Haushalts daran hängt. Eine Partnerwahl kann die Persönlichkeit ausdrücken und zugleich eine praktische Verhandlung mit einer ungleichen Welt sein. Wer beide Kräfte sichtbar hält, erzählt mehr als einen Wettstreit darum, welche Schwester vernünftiger ist.
Eine andere Gewichtung ergibt einen anderen Film
Reids Ansatz ist besonders aufschlussreich, weil Zurückhaltung schwer zu dramatisieren sein kann. Eine Figur, die etwas verschweigt, wirkt schnell passiv, wenn der Film lediglich das Ausbleiben eines Ausbruchs registriert. Die Szene muss ihre Anstrengung erfahrbar machen: die Antwort, die sie beinahe gibt; den Menschen, dessen Gefühle sie schützt; den Raum, der keine Privatheit erlaubt. Das ist eine gemeinsame Aufgabe für Schauspiel, Bildgestaltung und Schnitt.
Leidenschaft bringt das entgegengesetzte Problem mit sich. Eine ausdrucksstärkere Figur kann das Geschehen schon deshalb beherrschen, weil die Kamera einem sichtbaren Ereignis folgen darf. Wenn die Schwestern einander beeinflussen, muss emotionale Offenheit jedoch nicht für Unreife stehen und Diskretion nicht automatisch für größere Weisheit. Jede Eigenschaft kann einmal helfen und ein anderes Mal zur Schutzbehauptung werden. Ihre Beziehung bleibt dann eine Auseinandersetzung, statt eine fertig formulierte Moral zu bebildern.
Darin steckt zugleich ein Grund, den bekannten Roman erneut zu verfilmen. Eine Adaption verdient ihren Platz nicht dadurch, dass sie eine Szene in einen anderen Raum verlegt oder eine früher gestrichene Passage zurückholt. Solche Entscheidungen zählen, wenn sie unseren Zugang zu den Menschen verändern. Klärt eine Änderung einen Konflikt? Gibt sie einer Figur Handlungsspielraum? Macht sie eine gesellschaftliche Regel spürbar, ohne dass jemand diese Regel eigens erklären muss?
Focus und Working Title arbeiteten bereits bei Stolz und Vorurteil von 2005 und Emma von 2020 zusammen. Ihre Rückkehr zu Austen stellt den Film in eine erkennbare Tradition zeitgenössischer Leinwandinterpretationen. Vertrautheit kann den Einstieg erleichtern. Sie kann eine Produktion aber auch dazu verführen, sich zu sehr an übernommenen Bildern eines vermeintlich richtigen Austen-Films zu orientieren. Die Schwestern sind ein stärkeres Ordnungsprinzip als die Pflicht, wieder einen schönen Salon zu liefern.
Woran sich Werktreue messen lässt
Entscheidend ist der Unterschied zwischen dem Illustrieren eines Textes und dem Neuaufbau seiner dramatischen Beziehungen. Ein Roman kann bei einem unausgesprochenen Gedanken verweilen. Ein Film muss festlegen, was wir währenddessen sehen und hören. Bleibt eine zuhörende Person im Bild, werden vielleicht Zuneigung, Ungeduld oder ein Missverständnis deutlich, ohne dass eine zusätzliche Erklärung nötig wäre. Auch darin kann Werktreue liegen, selbst wenn einzelne Szenen verändert werden.
Reids Interview formuliert für die neue Fassung einen klaren Ansatz: zwei Schwestern begleiten, die durch ihre Unterschiede wachsen, während sich die Liebesgeschichten in diesen Prozess einweben. Ob jede Änderung gelingt, ist damit nicht entschieden. Es gibt aber einen konkreten Maßstab. Das stärkste denkbare Argument für eine weitere Austen-Adaption liegt darin, wie genau sie Menschen beobachtet, die einander gut kennen und trotzdem erst lernen müssen, richtig zuzuhören.