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RIDM stellt Dokumentarfilmprogramm mit 127 Titeln für November vor

Das Festival in Montréal verbindet den Blick auf eine bedrohte Berggemeinschaft mit Archivkino über die Harlem Renaissance.

Viele Orte und verschiedene Filmsprachen

Das Dokumentarfilmfestival RIDM hat am 28. Oktober sein Programm der 29. Ausgabe angekündigt: 127 Filme aus 54 Ländern für den Zeitraum vom 19. bis 29. November. Darin stehen To Hold a Mountain über eine Familie in Montenegro und Once Upon a Time in Harlem aus Aufnahmen eines Künstlertreffens von 1972. Beide Arbeiten wählen völlig verschiedene Wege.

Diese Spannweite ist ein besserer Zugang zum Programm, als 127 Titel zu einem einzigen Thema zu erklären. Dokumentarfilme unterscheiden sich nicht bloß durch ihren Gegenstand. Es macht einen Unterschied, wo die Kamera steht, wer sprechen darf, was in einem Archiv überlebt hat und wie viel Zeit ein Mensch bekommt, sein Leben sichtbar werden zu lassen. Eine Festivalauswahl kann solche Entscheidungen zeigen, indem sie Arbeiten mit verschiedenen Verfahren nebeneinanderstellt. Im RIDM-Programm sind Gegenwart und Vergangenheit gleichermaßen offene Fragen: Ein Film begleitet eine Gemeinschaft, die heute ihre Landschaft verteidigt; ein anderer fragt, was eine frühere Generation auf Film hinterlassen hat. Beide müssen entscheiden, was eine Aufnahme bewahren kann und was ihr entgeht.

To Hold a Mountain beginnt bei der täglichen Arbeit

Den Auftakt macht To Hold a Mountain von Biljana Tutorov und Petar Glomazić. Laut RIDM begleitet der Film Mileva „Gara“ Jovanivic und ihre Tochter Nada einen Sommer lang beim Hüten ihrer Tiere in den Dinarischen Alpen Montenegros. Pläne für einen NATO-Übungsplatz bedrohen ihre Weideflächen. Gleichzeitig treten alte Verletzungen innerhalb der Familie hervor. Anfang des Jahres gewann der Film in Sundance den Dokumentarfilm-Hauptpreis des internationalen Wettbewerbs.

Der Berg ist in dieser Geschichte mehr als eine schöne Kulisse. Weidende Tiere, wiederkehrende Arbeit und der Alltag von Mutter und Tochter zeigen zunächst, was der Ort ermöglicht. Erst dadurch bekommt die geplante andere Nutzung der Fläche ein menschliches Gewicht. Die öffentliche Auseinandersetzung hängt an Arbeit und Fürsorge, die das Publikum durch konkrete Menschen versteht. Hier hat beobachtendes Kino einen Vorteil gegenüber einer schnellen Gegenüberstellung von Positionen: Es kann spürbar machen, warum dasselbe Stück Land zugleich Geschichte, Lebensunterhalt und Zugehörigkeit trägt. Die familiären Wunden erschweren ein einfaches Bild. Eine Landschaft kann schützenswert sein, ohne ein ungetrübter Zufluchtsort zu werden; eine gemeinsame Sache tilgt keine schwierige Vergangenheit. Als Eröffnungsfilm setzt To Hold a Mountain so einen Ton, der mehr verlangt als ein glatt aufgelöstes Umweltschild.

Aus einem Archiv entsteht ein Gespräch

Ein weiterer Programmtitel ist Once Upon a Time in Harlem. William Greaves organisierte 1972 ein Treffen von Persönlichkeiten der Harlem Renaissance im Haus von Duke Ellington und ließ es filmen; sein Sohn David gehörte zum Team. David stellte den Film später aus den Gesprächen und aus Material zusammen, das auch den Dreh selbst zeigt. RIDM führt die Arbeit in seiner Panorama-Sektion. Die neue Auswahl enthält daneben viele lokale Premieren.

Hier gehört die Bewahrung selbst zur Geschichte. Ein aufgezeichnetes Gespräch bringt Stimmen zurück, die ein späteres Publikum vielleicht vor allem aus Büchern, Fotografien oder ihrem Ruf kennt. Wenn auch die Entstehung der Aufnahme sichtbar bleibt, wird klar, dass selbst ein scheinbar freies Treffen eine Kamera, eine Gästeliste und später einen Schnitt hat. Das schwächt die Zeugnisse nicht. Es zeigt genauer, wie kulturelle Erinnerung auf die Leinwand gelangt. Neben To Hold a Mountain stehen damit zwei verschiedene dokumentarische Dringlichkeiten. Der eine Film hält eine Lebensweise fest, während über ihre Zukunft gestritten wird. Der andere nutzt ein erhaltenes Bild- und Tonarchiv, um eine frühere Kunstgemeinschaft wieder miteinander sprechen zu lassen. Die jetzt veröffentlichte RIDM-Auswahl ist besonders reizvoll, wenn sie beiden Formen von Aufmerksamkeit Raum gibt und lokale Filmschaffende eigene Verbindungen zur Stadt herstellen können. Der Unterschied lässt sich an der Zeit erkennen, die beide Filme bearbeiten. Auf dem Berg ist jeder Tag Teil eines fortdauernden Konflikts; bei Greaves wird ein Nachmittag von 1972 Jahrzehnte später neu geschnitten und betrachtet. Beide Formen geben Menschen Raum, selbst zu sprechen, doch ihre Bilder tragen Erinnerung auf völlig andere Weise. Gerade in dieser Spannung liegt ein Grund, die Titel gemeinsam im Programm zu sehen.

Quellen