Die geheime Vorstellung hat ihren Kandidaten
Peter Farrellys I Play Rocky war am 16. Oktober der Überraschungsfilm des BFI London Film Festival. Farrelly stellte das Drama gemeinsam mit Festivalleiterin Kristy Matheson in der Royal Festival Hall vor. Anthony Ippolito spielt den jungen Sylvester Stallone während der Entstehung von Rocky. Im Bericht des Hollywood Reporter erklärt Farrelly außerdem, wie Ippolitos selbst gedrehtes Bewerbungsvideo die Suche nach seinem Hauptdarsteller praktisch beendete.
Die Wahl erzeugt eine hübsche Umkehrung. Das Festivalpublikum kauft seine Karte, ohne den Film zu kennen. Der Film erzählt dagegen eine Geschichte, deren grober Ausgang fast jedem vertraut ist. Stallone wird zu Stallone. Rocky kommt ins Kino. Die Aufgabe besteht darin, die unsicheren Etappen dieser Reise interessant zu machen, obwohl das Ziel längst seine eigene Erkennungsmelodie besitzt.
Der Mensch hinter der bekannten Silhouette
Ein junger Schauspieler, der einen jungen Star darstellt, hat zwei Aufgaben, die sich leicht behindern. Er muss Wiedererkennung herstellen und dann aufhören, sich darauf zu verlassen. Stallones Stimme und Körperhaltung sind ungewöhnlich markant. Ihre Nachahmung kann einige Sekunden Vergnügen sichern. Eine Figur entsteht aber erst durch etwas Unauffälligeres: Man muss glauben können, dass dieser Körper und diese Stimme jemandem gehören, der seinen späteren Ruhm noch nicht kennt.
Farrellys Erzählung vom Casting ist interessant, weil darin ein Darsteller durch sein Material überzeugt und nicht durch einen großen Namen. Nach Angaben des Regisseurs filmte Ippolito Szenen im Keller seiner Großmutter. Das ergibt eine reizvolle Parallele zum Gegenstand des Films. Trotzdem bleibt es zunächst eine Castinggeschichte. Ob die Leistung im Film trägt, lässt sich durch diese schöne Entstehungsgeschichte nicht vorwegnehmen.
Ein brauchbarer Maßstab ist, ob neben der Ähnlichkeit Platz für Verlegenheit, Zögern und gewöhnliches Verhalten bleibt. Kündigt jede Bewegung bereits die spätere Ikone an, kann die Figur nie wirklich unsicher sein. Die Geschichte eines unerprobten Schauspielers braucht Momente, in denen es unbequem, peinlich oder wenig überzeugend ist, genau dieser Schauspieler zu sein. Andernfalls erscheint seine Entdeckung unausweichlich. Unausweichlichkeit ist als Sparringspartner ziemlich langweilig.
Hollywoods Lieblingsaußenseiter darf kein Automat werden
Farrelly beschreibt Peter Gambles Drehbuch als Geschichte, die Rocky spiegelt. Der Reiz liegt auf der Hand: Der Kampf um einen Außenseiterfilm wird selbst zum Außenseiterfilm. Diese Symmetrie kann ein kräftiges Gerüst liefern. Sie kann die Menschen und Institutionen um den Helden allerdings auch auf Hindernisse reduzieren, die für unseren späteren Beifall ordentlich aufgereiht werden.
Ed Wood bietet einen hilfreichen Gegenentwurf. Seine Zuneigung zum Filmemacher verlangt nicht, dass dessen Werke plötzlich konventionell gelungen wirken. Die Beziehungen und das gemeinsame Herstellen liefern den emotionalen Einsatz. Auch Dolemite Is My Name gewinnt viel aus kollektivem Einfallsreichtum. Das Vergnügen entsteht durch Menschen, die praktische Probleme miteinander lösen. Es besteht nicht allein darin, dass die Branche ihrem Helden irgendwann endlich recht gibt.
Für I Play Rocky wäre deshalb eine konkrete Gewichtung interessant: Die Entstehung sollte genauso fesselnd sein wie die spätere Bestätigung. Ein Streit über Geld, Besetzung oder eine Szene kann verschiedene Vorstellungen davon zeigen, was ein Film leisten soll. Werden alle Konflikte auf kurzsichtige Manager gegen das verkannte Genie reduziert, verliert das Drama die Eigenheiten des Filmemachens. Welcher Seite die Geschichte später applaudiert, weiß das Publikum ohnehin.
Der neue Film braucht seine eigenen Gefühle
Die anhaltende Wirkung von Rocky macht auch den Einsatz seiner bekanntesten Bilder und seiner Musik kompliziert. Wiedererkennung kann einen gewaltigen Gefühlsschub auslösen. Ein Film über die Entstehung muss jedoch entscheiden, wie viel davon er selbst aufgebaut hat. Ein vertrautes musikalisches Signal kann einen emotionalen Zusammenhang vollenden oder ihn bloß ausleihen. Entscheidend ist, ob die vorherigen Szenen den neuen Figuren eigenes Gewicht gegeben haben.
Deshalb könnten die leisen Teile dieser Ausgangslage aufschlussreicher sein als die nachgestellten Triumphe. Wie verteidigt ein unbekannter Autor eine Idee, ohne dabei lächerlich zu wirken? Was kostet Loyalität, solange noch niemand einen Erfolg versprechen kann? Wer erledigt die unscheinbare Arbeit, die später aus der Legende verschwindet? Solche Fragen können eine vertraute Ursprungsgeschichte mit Leben füllen und die Perspektive über ihren berühmten Mittelpunkt hinaus öffnen.
Der Londoner Überraschungsplatz gibt I Play Rocky einen brauchbaren Rahmen: ein Publikum, das einen Film gemeinsam entdeckt, statt nur einzelne Clips mit einer Stallone-Imitation zu sehen. Die nächste Prüfung muss das Drama selbst bestehen. Wenn schon der Weg vor dem berühmten Ausgang fesselt, gibt es etwas zur Mythologie hinzuzufügen. Den motivierenden Trainingszusammenschnitt hat das Original schließlich bereits ziemlich überzeugend erledigt.