Der wichtigste nationale Preis für einen lokalen Kurzfilm
Bei der Abschlussfeier des Internationalen Festivals für Frauenkino in Gaza am 31. Oktober gewann Hanadi Abu Salahs Remnants of Light die Goldene Orange im nationalen Kurzfilmwettbewerb. In der früheren Vorstellung der Eröffnungsfilme beschreibt das Festival, wie Abu Salah von Erinnerungen an im Krieg verlorene Angehörige und den Resten ihres Hauses ausgeht, um daraus Hoffnung für andere zu gewinnen. Der Preis würdigt eine konkrete filmische Arbeit: Eine Frau entscheidet, wie privater Verlust zu einem öffentlichen Bild wird.
Diese Anlage lässt sich leicht auf ein Schlagwort über Widerstandskraft verkürzen. Schwieriger ist die künstlerische Aufgabe, eine bestimmte Familie erkennbar zu halten und zugleich Fremden einen Zugang zu ihrer Geschichte zu eröffnen. Ein Gegenstand oder ein beschädigter Raum kann wichtig sein, weil jemand ihn einmal benutzt hat, nicht weil er als allgemeines Symbol taugt. Ein Kurzfilm hat wenig Zeit, diese Beziehung herzustellen. Was er zeigt und was außerhalb des Bildes bleibt, wird deshalb entscheidend. Die Auszeichnung lenkt den Blick auf Abu Salahs Kontrolle über diese Auswahl. Sie fordert auch dazu auf, ihr Werk als Film mit Form und Perspektive wahrzunehmen, statt das Thema allein schon für einen Qualitätsbeweis zu halten.
Ein anderer Preis für ein Haus unter Druck
Die Goldene Orange für den internationalen Spielfilm ging an Erige Sehiris A Sky Without Land, so der Titel in der Mitteilung aus Gaza. Cannes stellte Sehiris Film von 2025 als Promis le ciel beziehungsweise Promised Sky vor: Marie, eine ivorische Pastorin in Tunesien, nimmt Naney und Jolie in ihr Haus auf, bevor ein kleines Waisenmädchen hinzukommt. Gaza zeichnete auch Farida Marzouk für die Kameraarbeit an dem Film aus.
Die Geschichte des gemeinsamen Hauses macht Solidarität räumlich. Ein Zuhause hat Zimmer, Türen und Grenzen. Kommt ein Mensch hinzu, verändert sich, wer wo schläft, wer sich zurückziehen kann und wer Verantwortung übernimmt. Daraus entsteht für die Kamera eine erzählerische Aufgabe: Sie kann Abstände zwischen Körpern zeigen und bestimmen, was vom Innern des Zufluchtsorts aus sichtbar wird. Der Preis für die Bilder neben dem Spielfilmpreis rückt dieses Problem ins Zentrum. Eine Gruppe kann sich Familie nennen; die Bildgestaltung muss ihre wechselnde Nähe und Anspannung erfahrbar machen. Zugehörigkeit wird in diesem Film nicht nur durch das soziale Klima außerhalb des Hauses geprüft. Sie entscheidet sich auch in der alltäglichen Ordnung der Menschen darin.
Zwei Formen von Autorschaft in einem Programm
In einem Gespräch in Cannes sagt Sehiri, ihr Film sei teilweise aus ihrem Ärger darüber entstanden, dass Menschen aus mehreren afrikanischen Ländern in Tunesien mit einem einzigen Etikett versehen werden. Zur Eröffnung in Gaza wurde zudem eine Filmakademie gestartet; gezeigt wurden Arbeiten aus deren Ausbildungsprogramm. Das sind verschiedene Vorhaben. Gemeinsam stellen sie die Frage, wer neben den Geschichten auch die Bilder gestaltet. Sehiri sagt außerdem, sie habe nach Überlegungen zu einer wirklichen Pastorin eine professionelle Schauspielerin für Marie gewählt, um der Figur mehr Freiheit und Widersprüche zu geben.
Sehiris erklärtes Anliegen macht verständlich, weshalb ihre drei erwachsenen Figuren eigene Wünsche brauchen, obwohl sie dieselbe Adresse teilen. Eine Pastorin, eine Mutter und eine Studentin dürfen nicht zu einer anonymen Gruppe verschmelzen; sonst verschwinden die Spannungen, aus denen ihre Gemeinschaft besteht. Abu Salahs Kurzfilm stellt von einem anderen Ort aus eine verwandte Frage: Wer entscheidet, welche Reste eines Familienlebens zum Bild werden, das andere behalten? Die beiden Wettbewerbssparten sind nicht austauschbar. Die eine arbeitet mit einem erfundenen Zusammenleben, die andere mit persönlichen Spuren einer Regisseurin. In einem von Frauen geprägten Festival wird das Gestalten der Bilder selbst zum Nachrichtengegenstand. Die Akademie öffnet diesen Prozess für künftige Filmschaffende, während die Preise die fertigen Werke und ihre bereits getroffenen Entscheidungen sichtbar machen. Diese Besetzungsentscheidung widerspricht der einfachen Vorstellung, Authentizität entstehe schon dadurch, dass ein wirklicher Mensch vor der Kamera steht. Eine erfundene Figur kann die Freiheit schützen, unvollkommen zu sein, gerade wenn eine öffentliche religiöse Rolle vorbildliches Verhalten verlangt. So dürfen die Spannungen im Haus den einzelnen Frauen gehören, statt ihnen als Lehre von außen aufgesetzt zu werden. Dieser Unterschied verbindet die internationale Auszeichnung mit dem lokalen Kurzfilmpreis: Beide lenken den Blick darauf, dass eine Regisseurin ihr Material nicht nur vorfindet, sondern durch Auswahl und Gestaltung erst erzählbar macht.
Quellen
- Gaza International Festival for Women's Cinema: second edition awards ↗
- Gaza festival: 73 films from 24 countries ↗
- Gaza festival: Cinema Academy launch ↗
- Gaza festival: five opening films by women filmmakers ↗
- Festival de Cannes: Promised Sky / Promis le ciel ↗
- Festival de Cannes: Promised Sky as seen by Erige Sehiri ↗