Dao gewinnt den Hauptpreis
Alain Gomis' Dao hat bei der 71. Semana Internacional de Cine de Valladolid, kurz SEMINCI, die Goldene Ähre als bester Film des internationalen Wettbewerbs gewonnen. Eine Mitteilung des Festivals vom 31. Oktober dokumentiert die Entscheidung. Die Silberne Ähre ging an La Gradiva von Marine Atlan; Aquí von Tiago Guedes erhielt eine besondere Erwähnung. Der Preis rückt einen Film über zwei Familienfeiern in den Mittelpunkt des diesjährigen Festivalkinoprogramms. Das Festival beschreibt zwei verbundene Feiern: eine Hochzeit in Frankreich und ein Begräbnis in Guinea-Bissau.
Diese Gegenüberstellung gibt dem Preis mehr Gewicht als eine bloße Platzierung in einer Festivalliste. Auf einer Hochzeit entwerfen Angehörige eine gemeinsame Zukunft. Bei einem Begräbnis fragen sie, was von einem Leben bleibt und wer dessen Geschichte weiterträgt. Räumlich liegen die Ereignisse weit auseinander, doch Familie und Migration verbinden sie. Daraus kann ein Film über Zugehörigkeit entstehen, der nicht mit einer abstrakten Landkarte beginnt, sondern mit Menschen, ihren Bindungen und den Pflichten, die aus diesen Bindungen wachsen.
Worauf die Jury geachtet hat
Laut SEMINCI verbindet Gomis erfundene Figuren, reale Menschen und Aussagen aus den beteiligten Gemeinschaften. Die Jury hob vor allem Rhythmus, Dauer und Bewegung hervor. Sie lobte, wie sich dokumentarische und fiktionale Elemente berühren. Die Aufmerksamkeit für die Bewegung des Films gibt dem Publikum einen genaueren Anhaltspunkt als eine Inhaltsangabe allein. Die offizielle Preisliste bestätigt die Goldene Ähre und führt daneben Auszeichnungen für Regie, Schauspiel und weitere Wettbewerbe auf.
Besonders aufschlussreich ist der Hinweis auf die Dauer. Eine Familienfeier besteht nicht nur aus dem Moment des Eheversprechens oder des Abschieds am Grab. Warten, Beobachten und kurze Veränderungen zwischen Menschen gehören ebenso dazu. Wenn ein Film solchen Zwischenräumen Zeit lässt, werden Beziehungen sichtbar, die eine schnellere Handlung übergehen könnte. Deshalb beschreibt das Juryurteil mehr als ein ehrbares Thema. Es beschreibt eine Form des Hinschauens, mit der Gemeinschaft auf der Leinwand erfahrbar werden kann.
Zwei Orte, ein Zusammenhang
Frankreich und Guinea-Bissau stellen auch die vertraute Vorstellung infrage, eine Migrationsgeschichte habe nur einen Ausgangspunkt und ein Ziel. Eine Hochzeit kann Angehörige über Grenzen hinweg zusammenführen. Ein Todesfall kann einen früheren Lebensmittelpunkt plötzlich wieder ganz nah rücken. Das Festival erklärt, dass die beiden Gruppen durch die Hauptfiguren verbunden sind. Diese Verbindung gehört zur Form des Films: Die beiden Feiern können aufeinander antworten, obwohl die Figuren an verschiedenen Orten und in unterschiedlichen Momenten ihres Lebens stehen.
Für filmbuZZer liegt darin der stärkste Gedanke: Keine der beiden Feiern muss als das eigentliche Leben gelten, während die andere nur Erinnerung wäre. Beide finden in einer gegenwärtigen Gemeinschaft statt. Wer geblieben ist, wird nicht zur Kulisse für die Fortgegangenen. Wer fortgezogen ist, wird nicht automatisch zum Fremden in der eigenen Geschichte. Ein Film kann diese Positionen nebeneinander halten und fragen, wie Verwandtschaft trotz verschiedener Orte, Gewohnheiten und Erwartungen weiterlebt.
Ein Preis als Einladung
Die Goldene Ähre kann Zuschauern einen ersten Zugang zu Dao eröffnen und den Film auch außerhalb des Festivals sichtbar machen. Sie zeigt, was diese internationale Jury in Valladolid besonders überzeugte: eine filmische Form, die persönliche und gemeinschaftliche Erfahrungen zusammenführt. Mit dieser Frage lässt sich Dao entdecken, ohne das eigene Urteil schon an die Auszeichnung abzugeben.
Auch die übrigen Preise helfen bei der Einordnung. La Gradiva und Aquí wurden für andere Leistungen gewürdigt; das Festival berichtete zudem von zahlreichen Gesprächen mit Filmschaffenden und großem Publikumsinteresse. Dao steht damit in einem lebendigen Programm, dessen unterschiedliche Preise verschiedene Formen und Leistungen sichtbar machen. Ihr reizvollstes Versprechen ist kleiner und zugleich ergiebiger: zu beobachten, wie Freude und Trauer, zwei Länder und unterschiedliche filmische Mittel miteinander ins Gespräch kommen. Für ein Publikum außerhalb des Festivals ist gerade diese Offenheit wichtig. Man muss die Geschichte der Figuren nicht schon kennen, um die Bewegung zwischen den Feiern zu verstehen. Der Preis lenkt den Blick auf die Gestaltung dieser Verbindung und macht neugierig, ob die verschiedenen Stimmen im Film tatsächlich gleich viel Raum erhalten.